Beschreibung von Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 1149
Bibliographische Beschreibung
Überblickbeschreibung
Zwei Antiphonare
In der Dombibliothek befinden sich zwei Antiphonare für das Chorgebet, die bisher unter zwei unterschiedlichen Provenienzen erfaßt waren (Dom Hs. 263: Dom; Diözesan Hs. 149: St. Maria ad Gradus). Stilistische Ähnlichkeiten bemerkte schon Paul Heusgen 1933 , S. 24). Beim detaillierten Vergleich zeigt sich, daß beide Handschriften nicht nur in demselben Skriptorium gefertigt wurden, sondern darüber hinaus in Inhalt, Bildprogramm und Ergänzungen weitgehend übereinstimmen. Beide Antiphonare umfassen nur den Sommerteil des Kirchenjahres von Pfingsten bis zum 25. Sonntag nach Pfingsten. Sie müssen im Wechsel mit zwei heute nicht mehr nachweisbaren oder noch nicht identifizierten Winter-Bänden im Dom für den Offiziumsgesang gedient haben: In beiden Handschriften ist das Formular für die Kirchweihe innerhalb der Heiligenfeste am Weihetag des Kölner Domes zwischen den Festen des hl. Mauritius und des Erzengels Michael plaziert (Dom Hs. 263, 168v; Diözesan Hs. 149, 155r).
Die Hochfeste des Kirchenjahres (Pfingsten, Trinitatis, Fest der hll. Petrus und Paulus, Mariä Himmelfahrt) sind mit historisierten Initialen hervorgehoben, die auf den Anlaß des Festes verweisen, während Jakobs Traum von der Himmelsleiter das Fest der Domweihe markiert. In Diözesan Hs. 149 wurde zudem die erste Nocturn des Allerheiligenfestes durch eine historisierte Initiale mit dem lehrenden Christus hervorgehoben (vgl. Holladay 1997, S. 8). Die Illustration zum Kirchweihfest ist ungewöhnlich, man würde hier normalerweise die Darstellung einer Altarweihe erwarten. Vielleicht war dem Initiator des Bildprogramms jedoch eines der Gradualien des aus Valkenburg bei Maastricht stammenden Buchmalers Johannes von Valkenburg bekannt (Bonn, Universitäts- und Landesbibl., S 384), in dem der Introitus zur Kirchweihe Terribilis est locus iste (Gen 28,17: Wie ehrfurchtgebietend ist dieser Ort!) in eben dieses Bild umgesetzt ist (vgl. Oliver 1978, S. 25). Anders als in den Gradualien war in den Antiphonaren der unmittelbare Textbezug nicht gegeben. Statt dessen eröffnen die Initialen mit Jakobs Traum nun den Anfang des Responsoriums In dedicatione templi. Von den illuminierten Initialen gehen am linken Spaltenrand Zierstäbe mit stark stilisierten Ranken aus, die auf dem Fußsteg von jeweils einem kleinen zweibeinigen Drachen mit Hasen-, Katzen- oder Hundekopf bevölkert werden. Einmal ist ein spielender Hund dargestellt (Diözesan Hs. 149, 14v). In Diözesan Hs. 149 sitzen zudem Vögel auf den oberen Ranken. Es fehlen die für Johannes von Valkenburg typischen kleinen Goldkugeln auf den Spitzen der wellenförmig geschnittenen Rankenprofile, weshalb die Schmuckmotive in Dom Hs. 263 und Diözesan Hs. 149 nur entfernt an dessen anspruchsvollen Buchschmuck in den Gradualien aus dem Jahr 1299 erinnern (siehe Diözesan Hs. 1b, Kat.Nr. 88).
Beide Handschriften enthalten im 'Proprium de sanctis' übereinstimmende Ergänzungen aus dem späteren 14. Jahrhundert. Ein besonders markanter Hinweis auf die gemeinsame Überarbeitung in einem Skriptorium ist die jeweils von der gleichen Hand ausgeführte Federzeichnungsinitiale zum Fest des hl. Severin (Dom Hs. 263, 362r; Diözesan Hs. 149, 340r). Eine zweite Ergänzung erfolgte in beiden Codices im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts. Zu Dom Hs. 263 bemerkte Heusgen 1933 ), daß dort die "Initialen mit schlichter Ornamentik nach Weidenbach-Malweise" ausgeführt seien. Aufgrund der Stilanalogien zu den Federzeichnungsinitialen in dem 'Officium defunctorum' Dom Hs. 272 (vgl. Heusgen 1933 , S. 27), das 1478 von Edmund Huydenroyd, Regularkanoniker im Kölner Augustiner-Chorherrenkloster Herrenleichnam, zum Gebrauch der Kölner Domkanoniker geschrieben worden ist, können die Ergänzungen in Dom Hs. 263 und Diözesan Hs. 149 jedoch dem Skriptorium dieses Kölner Klosters zugeschrieben werden. Diözesan Hs. 149 besitzt noch einen Anhang (364r-373v) von 1533, dessen Stil tatsächlich auf das Skriptorium der Kölner Fraterherren verweist (siehe Dom Hs. 274, Kat.Nr. 102).
In beiden Handschriften wurde das Fronleichnamsfest erst im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts nachgetragen (Dom Hs. 263, 292r ff.; Diözesan Hs. 149, 272rff.). Die Verbreitung dieses in Vergessenheit geratenen Feiertages bewirkten die 1317 veröffentlichen 'Clementinen' (kirchenrechtlichen Bestimmungen) von Papst Johannes XXII. (1316-1334). Für den Dom wurde das Fronleichnamsfest 1318 von Gottfried und Hadwig Hardevust gestiftet (Kroos 1979/80). Die erhebliche Zeitdifferenz zwischen Stiftung und Nachtrag wird allgemein mit der Verwendung von kleinen Heftchen erklärt, die den liturgischen Text des neuen Festes enthielten und in bereits vorhandene liturgische Bücher eingelegt wurden (vgl. Rubin 1996, S. 33f.). Eine Datierung vor 1317/18 resultiert auch aus dem der französisch-flandrischen Buchmalerei verpflichteten Stil der Initialminiaturen. Er ist in den näheren Umkreis des sogenannten Bibelmeisters einzuordnen, der zu Beginn des 14. Jahrhunderts (um 1310) die Bibel aus Groß St. Martin (Düsseldorf, Staatsarchiv, Ms. A 5) illuminierte. Der von Gisela Plotzek-Wederhake (1977, S. 69ff.) zusammengestellten Gruppe (Dom Hs. 263; Köln, Archiv des Erzbistums Köln, PfA St. Margareta Brühl, 2 B 36; Darmstadt, Hess. Landes- und Hochschulbibl., Hs. 3116) ist Diözesan Hs. 149 als ein weiteres Werk aus dem gleichen Skriptorium hinzuzufügen (vgl. Kirschbaum 1977, S. 80; Holladay 1997, S. 8). Im Vergleich der unterschiedlichen Geburtsszenen nimmt die historisierte Initiale in diesem Codex eine Mittelstellung zwischen den fast identischen Szenen in Dom Hs. 263, dem Brühler Antiphonar und der motivisch abweichenden Geburt Mariens des Darmstädter Antiphonar-Fragments ein.
Überblickbeschreibung aus: Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 454-463 (Johanna C. Gummlich)
Zustand und Zusammensetzung
Schrift und Hände
Lateinischer Text in schwarzer und brauner Rotunda, rubriziert;
Musiknotationen
Buchschmuck
- Cadellen mit rotem Mittelstrich, mit Fischmotiven in den Ergänzungen des späteren 14. Jhs.; rote und blaue Lombarden mit Federzeichnung; zweizeilige Initialen mit rot-blau gespaltenem Körper, darin pergamentsichtig ausgesparte Ornamente, mit roter und blauer Federzeichnung; historisierte Initialen in Deckfarben (Minium, Blau, Hellviolett, Grau, Weiß) mit Gold und mit Randleisten am oberen, unteren und äußeren Rand des Textspiegels, auf den unteren Randleisten Drôlerien (hüpfende Drachen); in den Ergänzungen des letzten Viertels des 15. Jhs.: Cadellen mit rotem Mittelstrich und vegetabiler Federzeichnung; mehrzeilige Initialen mit blauem Körper, darin pergamentsichtige ornamentale Aussparungen, und roter Federzeichnung (Maiglöckchen-Fleuronnée, dreilappige Blätter, Schnabelflügelblatt, gewelltes Akanthusblatt) teils vor grünem Grund mit Fleuronnée-Stäben.
Hinzufügungen
Nachträge (Textweiser) auf Seitenstegen und eingebundenen Papierblättern.Einband
Einband: Schweinsleder mit Blindprägung über Holz; Mit Streicheisenlinien: Streifenrahmung mit Eckplatten; Medaillonrolle: zwei Männerköpfe und ein Frauenkopf; Schließen aus Messing und Leder, nur noch fragmentiert erhalten; die übrigen Beschläge an den Ecken und in der Mitte fehlen (um 1600).
Geschichte der Handschrift
Inhaltsangabe
- Spiegelblatt: 4/5 einer Doppelseite mit der Epistel des 1. Sonntags sowie Epistel, Graduale und Offertorium des 9. Sonntags und Evangelium und Secreta des 8. Sonntags nach Pfingsten in einer Textura des 14. Jhs. ; Namenseinträge: Jasparus Greinert 1561; scholares anno 1562/Reinerus Pellionis/Gossvinus Sartoris/Wilhelm Bipliapola/Jasparus Groinert; Scholares anno Domini 1563/Gossvinus Sartoris/Wilhelmus Biliapola/Jasparus Groinert, Henricus Duosbergensis; Johannes Sartor; Scholares anno 1564/Gosvinus Sartoris, Jasparus Groinert/Henricus Duosbergensis/Matteus Hocherenus; Johannes Willen alias compartoris; Jacobus Schonenberg/Dictus Darnum ; Nutzungsort zweimal eingetragen: Hic liber iacebit in latere decani./Scholares . Ar Namenseinträge: Hi fuerunt Scholares Anno Domini 1657: Jacobus Schoenberg/Adamus Weil, Jacobus Mors (?) Coloniensis; Hermannus Kerus Anno Domini 77-82; Anno Domini 1623 tertio iunii: Theodorus Fux/Theodorus zur Heiden/Joannes Woringer/Henricus Cerbt (Hausmarke). Av Weitere Namenseinträge: Quatuor scholares Ao 1579: Hieronimus Dornbachinus/Henricus Lionarius/Hermanus Ausormius/Egidius Efordt alias Freyaldenhaffer; I. A. Fasbender Cantor 1823 . Br/v Leer.
- 1r-2v Nachträge des frühen 16. Jhs. (gleichzeitig mit der Foliierung) beginnend mit der Antiphon des nächtlichen Stundengebetes vor Pfingsten. Incipit: Xpristus resurgens - Spiritus sancti Q .
-
3r-67v
Titel: Proprium de tempore (Pfingstvigil - 25. Sonntag nach Pfingsten).
- 4v Zierseite. Pfingsten Incipit: D(um complerentur): Herabkunft des Hl. Geistes.
- 14v Zierseite. Trinitatis Incipit: G(L oria tibi Trinitas): Gnadenstuhl.
- 23r Sonntage bis zum Advent beginnend mit dem 3. Sonntag nach Pfingsten Incipit: D(eus omnium exauditor est).
-
68r-239v
Titel: Proprium de sanctis (Marcellinus und Petrus - Andreas).
- 68r Fest der hll. Marcellinus und Petrus Incipit: Apparuit angelus .
- 76v Zierseite. Fest der hll. Petrus und Paulus Incipit: Q(uem dicunt homines): Petrus und Paulus.
- 99v Fest der hl. Maria Magdalena Incipit: D(um redemptoris).
- 119v Zierseite. Mariä Himmelfahrt Incipit: E(cce tu pulchra es): Marientod.
- 138r Zierseite. Fest der Geburt Mariens Incipit: E(cce tu pulchra es): Geburt Mariens.
- 148r Fest des hl. Lambertus.
- 155r Kirchweihe des Kölner Domes Incipit: Gloria tibi Trinitas .
- 156r Zierseite. I(N dedicatione templi): Jakobs Traum von der Himmelsleiter.
- 167r Fest des hl. Remigius.
- 178a Nachtrag (Papier): SS.Ewaldorum und SS.Maurorum .
- 179v Fest des hl. Gereon.
- 187v Fest der 11000 Jungfrauen.
- 192v Fest des hl. Severin.
- 201r Zierseite. 1. Nocturn des Allerheiligenfestes Incipit: S(umme Trinitati) : lehrender Christus.
- 239v Titel: Commune sanctorum beginnend mit dem Commune apostolorum Incipit: Ecce ego mitto vos .
- 264ar Nachtrag (Papier) Incipit: Commune Confessores non Pont .
-
272r-328v
Ergänzung aus dem
letzten Viertel des 15. Jhs.
- 272r Fronleichnam Incipit: S(A cerdos in eternum).
- 278r Fest der Heimsuchung Mariä Incipit: E(xurgens autem Maria).
- 284r Translatio der Hll. Drei Könige Incipit: M(A gorum presencia Agrippina).
- 287r Fest der hl. Anna. [Gaudete Syon].
- 287a Nachtrag (Papier) In i. nocturno Responsorium .
- 292r Fest der Verklärung Christi Incipit: S(U nt de hic stantibus).
- 292v Fest des hl. Bernhard Incipit: R(eplevit sanctum suum).
- 304r Fest Mariä Tempelgang Incipit: F(O ns ortorum).
- 311r Fest der Hll. Drei Könige Incipit: M(agorum presencia).
- 308v In bl. Lombarde eingeritzt A 1625 Hen. Erp.
- 314a Nachtrag (Papier) Beate Marie ad Nives .
- 315r In Sabbato de Beate Marie Virgine. E(cce tu pulchra es), S(icut lilium inter spines).
- 319v Suffragia für die Feste zwischen Pfingstoktav und Advent O (crux gloriosa).
- 322v Fest der Auffindung des hl. Stephanus.
- 325r Fest der Kreuzerhöhung.
- 328v Leer.
-
329r-348r
Ergänzung des
späteren 14. Jhs.
- 329r Fest der hl. Maria Aegyptiaca.
- 335r Fest der hl. Helena.
- 340r Fest des hl. Severin.
- 347r Nachtrag des 17./18. Jhs. (Papier) zum Officium Sancta Maria ad nives .
- 347v Leer.
- 348r Fest der hl. Elisabeth Incipit: Letare Germania .
- 353r Fortsetzung des ursprünglichen Buchblocks. Hymnen, beginnend Incipit: O (lux beata Trinitas) bis Ihesu corona virginum .
- 362v Ergänzungen zum Proprium de sanctis. Hymnus Incipit: Salve Maria gemma pudicicie zum Fest der Himmelfahrt Mariens und Responsorium zum Fest der Geburt Mariens.
-
364r-373v
Ergänzung von
1533
(
373r
Cadelle mit Schriftband
AN 1533
).
- 364r Fest des hl. Kilian und seiner Gefährten.
- 373v Endend Explicit: possidebitis animas vestras alleluia. SE culorum amen. Rückwärtiger Innenspiegel: Versikel zu den Wochentagen und Anfänge von Hymnen zum Fest der hll. Stephanus und Johannes aus dem späten 13. oder frühen 14. Jh. Namenseinträge: Jacobus Schonenbergi SS, Hermannus Koris/77, 78 und Hic liber iacebit in latere decani.
Bibliographie
- Handschriftlicher Katalog der Diözesanbibliothek Köln von Paul Heusgen, 1916, Nr. 149
- Heusgen 1933, S. 24
- Kdm Köln 2/III, 1937, S. 28
- J. Kirschbaum, in: G. Borcher (Hg.), Beiträge zur rheinischen Kunstgeschichte und Denkmalpflege II. Albert Verbeek zum 65. Geburtstag, Düsseldorf 1974 (Die Kunstdenkmäler des Rheinlandes 20), S. 107ff.
- G. Plotzek-Wederhake, in: Vor Stefan Lochner 1974, S. 59ff., 130
- Dies., in: G. Bott (Hg.), Vor Stefan Lochner. Die Kölner Maler von 1300-1430, Ergebnisse der Ausstellung und des Kolloquiums, Köln 1977 (Begleithefte zum WRJb 1), S. 62ff.
- J. Kirschbaum, in: Ebda., S. 76ff.
- J. Oliver, in: WRJb 40 (1978), S. 23ff.
- R. Kroos, in: KDB 44/45 (1979/80), S. 61
- Handschriftencensus 1993, S. 704f. und 754, Nr. 1192 und 1279
- Himmel Hölle Fegefeuer 1994 , S. 370, Nr. 154 (G. Christen/M. Baltensperger)
- M. Rubin, in: C. Meier u.a. (Hgg.), Der Codex im Gebrauch. Akten des Internationalen Kolloquiums vom 11.-13. Juni 1992, München 1996 (Münstersche Mittelalter-Schriften 70), S. 31ff.
- J.A. Holladay, in: Georges-Bloch-Jahrbuch des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Zürich 4 (1997), S. 5ff.
Quellenangabe
- Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung. München 1998. S. 454-463 [Digitaler Volltext]


