Beschreibung von Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 137

Bibliographische Beschreibung

Bezeichnung
Pamelius-Sakramentar
Entstehungsort
Köln (?) und Köln
Entstehungszeit
870-875 und 891-896
Beschreibstoff
Pergament
Umfang
183 Blätter
Format
305 mm x 244 mm
Persistenter Identifier
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-4292 Persistent Identifier (URN)
Weitere Angaben
Land
Deutschland
Ort
Köln
Sammlung
Dombibliothek
Signatur
Cod. 137

Überblickbeschreibung

Pamelius-Sakramentar

Ein Sakramentar ist das liturgische Rollenbuch des Priesters bei der Feier der Messe und anderen liturgischen Feiern im frühen Mittelalter. Eingebunden in einen kurzen Ordo Missae, enthält Dom Hs. 137 das zu dieser Zeit einzige Eucharistiegebet des römischen Ritus, den Canon Romanus (das heutige 1. Hochgebet), sowie daran anschließend die Meßformulare für die einzelnen Tage des Jahres. Die Geschichte des Sakramentars kennt drei Typen, die nach den Päpsten ihrer Entstehungszeit benannt sind: das leonianische (440-461), das gelasianische (492-496) und das gregorianische Sakramentar (590-604). Dom Hss.88 (Kat.Nr.82) und 137 sind Vertreter des sog. Gregorianum Hadrianum; sie richten sich also nach jenem Exemplar, das Papst Hadrian I. (772-795) Karl dem Großen (768-814) auf dessen Bitte zur Vereinheitlichung der Liturgie des Frankenreiches übersandte. Unter Karl wurde dieses Sakramentar mit Nachträgen versehen, die die aus Rom importierte Vorlage an die lokalen Bedürfnisse anpaßten. Die beiden Kölner Handschriften zeugen so zum einen vom Bemühen Kölns, die wichtigsten liturgischen Bücher römischer Prägung zu besitzen, um das liturgische Leben an Rom anbinden zu können. Schon die Bestandsliste der Dombibliothek von 833 nannte mehrere Sakramentare, neben den gregorianischen auch ein Gelasianum. Zum anderen zeigen sie die Adaption römischer Vorbilder an konkrete Bedingungen der fränkischen Kirche, wenn hier auch die beiden karolingischen Nachträge wohl Benedikts von Aniane (um 750-821) und Alkuins (um 730-804) nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form vorliegen. Schon früh fanden beide Handschriften das Interesse der Historiker. Jakob Pamelius stützte sich 1571 in seiner Edition des Gregorianums unter anderem auf Dom Hs. 137, die darum als Pamelius-Sakramentar bezeichnet wird. Vergleiche des Ordo Missae zeigen hingegen, daß sich Pamelius noch mehr an dem anderen, hundert Jahre jüngeren Exemplar der Dombibliothek orientierte. Wegen der relativen Seltenheit von Sakramentaren, in denen der karolingische Anhang nicht in den gregorianischen Kern eingearbeitet ist (vgl. Amiet 1955), und zahlreicher Übereinstimmungen in der Auswahl der Formulare (vgl. Böhne 1990, Anm.11) muß wohl von einer Abhängigkeit der jüngeren von der älteren Handschrift ausgegangen werden.

Die Datierung des älteren Codex wird durch die Form der Schrift und verschiedene Einträge in der Litanei nahegelegt. Der Kernbestand des Sakramentars (1v-181r) ist vielleicht noch in den 70er Jahren des 9. Jahrhunderts entstanden (Chroust 1911, Jones 1971 ). Die Initialen von Präfation und Kanon stehen grundsätzlich in der Tradition der im nördlichen Frankreich und südlichen Belgien beheimateten franko-sächsischen Schule (vgl. Dom Hs. 14, Kat.Nr.74), haben in ihrer sehr linearen Struktur aber keine direkten Parallelen. In der Einbeziehung vegetabiler Motive stellen sie eine Vorstufe zu Latinus 9433 (Paris, Bibl. Nat.) dar, der um 900 in Echternach entstand (vgl. Nordenfalk, in: Acta Archaeologica 1931). Die Litanei (181v-182r) kann dagegen zeitlich genau eingegrenzt und mit Köln verbunden werden. Gebete für Papst Formosus (891-896), König Arnulf (896 zum Kaiser gekrönt) und Erzbischof Hermann I. von Köln (889/890-924) ermöglichen eine Datierung zwischen 891 und 896, während Bitten für Klerus und Volk von St. Peter den Kölner Dom als Ort des Gebrauchs festlegen (vgl. auch Dom Hs. 88). Ab Folio 138 sind neben den Totenmessen die Namen Lebender und Verstorbener nachgetragen, die z.T. im Umkreis Erzbischof Hermanns z.B. als Zeugen in Urkunden nachgewiesen werden können (Bergmann 1964). Wenn auch die Entstehung des eigentlichen Sakramentars in Köln nicht zu belegen ist, so ist doch die wenig spätere Verwendung an der dortigen Bischofskirche durch die Nachträge gesichert.

Zustand und Zusammensetzung

Lagenstruktur
Lagen 1-228, 234+3 ;
Seiteneinrichtung
Schriftspiegel 190 mm x 134 mm ;Blindliniierung mit Versalienspalte ( 9 mm ); einspaltig; 23 Zeilen.

Schrift und Hände

Lateinischer Text in dunkel- bis mittelbrauner karolingischer Minuskel, rubriziert; Auszeichnungsschriften: Capitalis Rustica mit unzialen Elementen, Capitalis Quadrata; Initialen: Capitalis Quadrata; ein- bis mehrzeilige Initialen in Tinte und Minium zu Beginn der einzelnen Gebete;

Buchschmuck

  • Große Initialen mit Flechtwerk, zoomorphen und stilisierten vegetabilen Motiven in Tinte zum Kanongebet; im V(ere) Vorzeichnung zur ornamentalen Gestaltung des Buchstabenkörpers (1v).

Einband

Einband: Pergament mit Streicheisenlinien über Pappe (Mitte 18. Jh.).

Geschichte der Handschrift

Provenienz
In der Litanei Bittgebete für Klerus und Volk von St. Peter, bei dem es sich wegen der Nennung Erzbischof Hermanns I. von Köln und einiger Namen von Personen aus seinem Umkreis seitlich der Totenmessen um den Kölner Dom handelt muß (182r und ab 138r); nachmittelalterlicher Besitzvermerk des Kölner Domes LIBER SANCTI PETRI metropolitana Coloniensis Ecclesiae (2r); Darmstadt 2131.

Inhaltsangabe

  • 1r Nachtrag. Lk 4, 38-40 In illo tempore. Surgens Ihsus de sinagoga - curavit eos; Nachtrag des 10. Jhs. Stillgebete des Priesters vor, während und nach der Messe Deus qui non mortem - pro quibus illud obtuli, sit te miserante propitiabile (zur Datierung vgl. Jones 1971; Edition: Odenthal 1995, 35f.).
  • 1v-92r Titel: Gregorianisch-hadrianisches Sakramentar (mit Abweichnungen: Pamelius II 1970, 177-387 ; Deshusses III 1982, 47).
    • 1v Präfation V(ERE DIGNUM).
    • 2r Kanongebet TE (IGITUR).
    • 17r Ritzzeichnung von Kreuzen.
    • 23r Ritzzeichnung eines Vogels.
    • 52r Psalmen, Responsorien und Versikel zum Pfingstsamstag mit Neumen Non vos relinquam orfanos (auf dem Seitensteg nachgetragen).
    • 77r Wenige Votivmessen beginnend mit der Kirchweihe.
    • 77v Blind eingeritzte Zeichnung eines Vogels.
    • 81r Orationen für die Vergebung der Sünden, für jeden Tag, zu Matutin und Vesper, AD AGAPE PAUPERUM u.a.
    • 84v Ritzzeichnung eines Fabelwesens.
    • 86v Ritzzeichnung eines Vogels.
  • 92r-153v Titel: Anhang des Benedikt von Aniane (mit Abweichungen: Pamelius II 1970, 388-478; Deshusses III 1982, 47f.).
    • 92r Prolog Hucusque .
    • 94r Inhaltsverzeichnis der 146 (147) folgenden Sonntagsmessen (bis zum 24. Sonntag nach Pfingsten), Commune- und Votivmessen, Orationen und Benediktionen (Benedictiones episcopales fehlen).
    • 96v Gesang zur Weihe der Osterkerze mit Neumen Exultet iam angelica . Ab
    • 138r Totenmessen mit zeitgleich nachgetragenen Meßformularen auf den Seitenstegen und bis zum Schluß des Codex Namen von Verstorbenen und Lebenden ( Jaffé/Wattenbach 1874, 138f. ; Bergmann 1964, 171-173).
  • 153v-178v Titel: Messen des Alkuin (mit Abweichungen: Pamelius II 1970, 517-549; Deshusses 1972, 7ff. ; Deshusses III 1982, 48).
    • 153v Verzeichnis der folgenden 18 Votivmessen.
    • 154r Incipit: MISSA DE SANCTA TRINITATE .
    • 174r Benediktionen und Orationen beginnend mit Incipit: BENEDICTIO RAMORUM IN DIE PALMI.
    • 178v Nachtrag: et mortalitate hominum. Deus qui non mortem - largitate securum. Per Dominum mit anschließenden Namen.
  • 179r-183v Nachträge.
    • 179r Titel: Bischöfliche Benediktionen beginnend mit Incipit: BENEDICTIONES DE ADVENTU DOMINI (mit Abweichungen: Pamelius II 1970, 479-483 ; Deshusses II 1982, 48).
    • 181v-182r Titel: Litanei ( Köln , 891-896 ) ( Deshusses III 1982, 48).
    • 182v Incipit: MISSA VOTIVA PRO AMICO VIVENTE .
    • 183r Incipit: MISSA COMMUNIS VIVORUM ET DEFUNCTORUM (Deshusses III 1982, 48).

Bibliographie

  • Hartzheim 1752, S. 86ff.
  • Jaffé/Wattenbach 1874, S. 56f.
  • Decker 1895, S. 225, 231f., Nr. 15
  • A. Chroust 1911, 1. Abt., 2. Serie, 7. Liefg., Taf. 5a,b
  • DACL 3, 1914, Sp. 2188f.
  • G.L. Micheli, L'enluminure du haut moyen âge et les influences irlandaises, Brüssel 1939, S. 153
  • R. Amiet, Les sacramentaires 88 et 137 du Chapitre de Cologne, in: Scr 9 (1955), S. 76ff.
  • E. Bourque, Etude sur les sacramentaires Romains II: Les textes remaniés 2: Le sacramentaire d'Hadrien. Le supplément d'Alcuin et les Grégoriens mixtes, Vatikanstadt 1958, S. 257, Nr. 196
  • K. Gamber, Sakramentartypen. Versuch einer Gruppierung der Handschriften und Fragmente bis zur Jahrtausendwende, Beuron 1958 (Texte und Arbeiten 49/50), S. 144
  • P. Bloch, Das Sakramentar Col. Metr. 88 in der Schatzkammer, in: KDB 21/22 (1963), S. 81ff.
  • R. Bergmann, Ein Kölner Namenverzeichnis aus der Zeit Erzbischofs Hermann I., in: RhVjbll 29 (1964), S. 168ff.
  • CLLA I/2, 1968, S. 137, Nr. 746
  • J. Pamelius, Liturgica Latinorum, Bd. I-II, [Köln 1571] ND Westmead 1970
  • Jones 1971, S. 69ff.
  • J. Deshusses, Le Sacramentaire Grégorien. Ses principales formes d'après les plus anciens manuscrits. Édition comparative I: Le sacramentaire, le supplément d'Aniane, Fribourg 1971 (Spicilegium Friburgense 16), S. 30, 37, 74; II: Textes complémentaires pour la messe, Fribourg 1979 (Spicilegium Friburgense 24), S. 21, 23, 25, 33; III: Textes complémentaires divers, Fribourg 1982 (Spicilegium Friburgense 28), S. 47f.
  • Ders., Les messes d'Alcuin, in: ALW 14 (1972), S. 7ff.
  • Schmitz 1985, S. 139
  • W. Böhne, Erzbischof Egbert von Trier und die Fuldaer Schreib- und Malschule des 10. Jahrhunderts, in: AMRhKG 42 (1990), S. 99f., Anm.11
  • Handschriftencensus 1993, S. 652f., Nr. 1101
  • A. Odenthal, Zwei Formulare des Apologientyps der Messe vor dem Jahre 1000. Zu Codex 88 und 137 der Kölner Dombibliothek, in: ALW 37 (1995), S. 25ff.

Quellenangabe

  • Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung. München 1998. S. 392-393 (Andreas Odenthal/Ulrike Surmann) [Digitaler Volltext]
Impressum
Herausgeber
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
Redaktion
Im Rahmen des DFG-Projekts CEEC bearbeitet von Patrick Sahle; Torsten Schaßan (2000-2004)
 
Bearbeitung im Rahmen des Projekts Migration der CEEC-Altdaten von Marcus Stark; Siegfried Schmidt; Harald Horst; Stefan Spengler; Patrick Dinger; Torsten Schaßan (2017-2019)
Ort
Köln
Datum
2018
URN
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-4292
PURL
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-4292
Lizenzangaben

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