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Collectio canonum Sanblasiana (Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 213)

Bibliographische Beschreibung

Bezeichnung
Collectio canonum Sanblasiana
Entstehungsort
England, Irland oder Echternach
Entstehungszeit
1. Drittel 8. Jh.
Beschreibstoff
Pergament
Umfang
Vorsatzblatt (Pergament), Nachsatzblatt (Pergament, aufgeklebt auf Papier) + 143 Blätter
Format
327 mm x 224 mm
Persistenter Identifier
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-2304 Persistent Identifier (URN)
Weitere Angaben
Land
Deutschland
Ort
Köln
Sammlung
Dombibliothek
Signatur
Cod. 213
Katalogsignatur
Jaffé/Wattenbach: CCXIII.
Frühere Signatur
Darmst. 2336
Katalogsignatur
Handschriftencensus Rheinland: 1158

Überblickbeschreibung

Collectio canonum Sanblasiana

Die kirchenrechtliche Textsammlung gehört zum Typus der Sanblasiana, deren Haupthandschrift sich heute als Codex 7/1 in der Stiftsbibliothek St. Paul im Lavanttal befindet. Die Handschrift entstand im 8. Jahrhundert in Italien, kam dann in das Schwarzwaldkloster St. Blasien und von dort nach St. Paul. Sie verkörpert demnach einen italischen, vorkarolingischen Typus. Die Texte stimmen teilweise mit denen der Sammlung des Dionysius Exiguus (gest. vor 556) sowie der Dionysio-Hadriana (vgl. Dom Hss.115, 117, Kat.Nrn. 21, 51) überein (I), bringen aber mit den 'Symmachiana' (II) apokryphe Stücke, zumeist fiktive Prozeßakten aus der Zeit des Papstes Symmachus (498-514). Nach Sticklers 'Historia Juris Canonici Latini' (I: Historia fontium, Rom 19742, S. 51f.) entstand die Sanblasiana wahrscheinlich unter dem Pontifikat des Papstes Hormisda (514-523) in Italien und enthält das gesamte alte kirchliche Recht, das aus den Beschlüssen der orientalischen, griechischen, afrikanischen und römischen Konzilien sowie den Dekretalen der Päpste besteht.

Möglicherweise gelangte ein Exemplar der Sanblasiana zur Zeit Gregors I. (590-604) nach England und Irland und konnte dort die römischen kirchlichen Rechtsnormen vertreten. Die ältere Forschung hat Dom Hs. 213 als in England (Northumbria) im frühen 8. Jahrhundert entstandene Kopie einer Sanblasiana-Ausgabe betrachtet und die Initialkunst mit Handschriften wie dem Codex Lindisfarnensis (London, British Libr., Cotton Nero D IV; Alexander 1978, Nr. 9) oder dem Book of Durrow (Dublin, Trinity College, A. 4.5 [57]; Alexander 1978, Nr. 6), den Schlüsselhandschriften der anglo-irischen Buchkunst des 7./8. Jahrhunderts, verglichen. Nun plädiert die neuere Forschung (McKitterick 1985, S. 109ff.; Netzer 1989, S. 374ff. und 1994) für eine kontinentale Entstehung der Handschrift, wobei aufgrund der Vergleichbarkeit einiger anderer Echternacher Codices insularen Schrifttyps das Skriptorium des hl. Willibrord in Echternach in Frage käme, dessen beginnende Tätigkeit im 1. Drittel des 8. Jahrhunderts anzusetzen ist.

Die insulare Halbunziale des Textes und die gerade, stumpfe sowie spitze insulare Minuskelschrift, in der nicht nur die Unterschriften der an den Konzilien teilnehmenden Bischöfe, sondern auch auf fast jeder Seite die letzten drei Zeilen geschrieben sind, zeugen eindeutig von der insularen Schulung des Schreibers der Handschrift, der gewiß auch den Initialschmuck ausführte. Nach Bischoff (1979) ist die Existenz der oben genannten drei Schriftarten typisch für den insularen Bereich. Nicht anders verhält es sich mit der Initialornamentik, deren Elemente in den schon erwähnten insularen Codices vorgebildet sind. Sie ist in gewissem Sinne ein Zwischenglied zwischen dem um 675 entstandenen Book of Durrow und dem zumeist um 800 angesetzten Book of Kells (Dublin, Trinity College, A. I. 6 [58]; Alexander 1978, Nr. 52). Ihre Hauptkomponenten sind die aus der Capitalis entwickelten, teilweise kreisrunden, viereckigen und rautenförmigen Initialen sowie die der Halbunziale und der insularen Minuskel entwachsenen, stark ausschwingenden, teilweise zu Ligaturen gebundenen, zumeist um- oder bepunkteten Initialen. Zierinitialen höheren Grades wie d(e ordinatione) (2v), E(piscopus) (4v), d(e his) (10r) usw. enthalten die typischen, insular geformten Flechtbandfüllungen oder Buchstabenenden in Form von Vogelköpfen, Spiralen oder Flechtbandkronen. Auch die Tierfriese im Rahmen der Initialzierseite (1r) haben ihre Vorläufer in Zierseiten etwa des Codex Lindisfarnensis.

Ein besonderes, in anderen Handschriften nicht beobachtetes Phänomen sind die drei letzten, in spitzer insularer Minuskel geschriebenen Zeilen fast ausnahmslos jeder Seite. Soll man sie als künstlerisches Prinzip, als versteckte Doxologie ("Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Hl. Geist ") oder als insularen Herkunftsnachweis eines Schreibers auf dem Festland (Echternach) deuten? Jedenfalls wurde seitens des Auftraggebers und Schreibers der Inhalt des Buches - die Glaubenssätze und rechtskräftige Ordnung der Kirche - in die Ebene der reichgeschmückten Evangelienbücher und liturgischen Prachthandschriften gerückt und daher so kostbar ausgestattet.

Anlaß zu Überlegungen gab das Sigibertus scripsit auf Folio 143r, von dem schon Jaffé/Wattenbach mit Nachdruck sagten, es könne nicht die persönliche Signatur des Schreibers der Handschrift sein. Tatsächlich muß es sich um einen nachträglichen Vermerk wahrscheinlich aus der Zeit Erzbischof Hildebalds (vor 787-818) handeln. Die Schriftzüge scheinen mit jenen Sigiberts identisch zu sein, der auf Folio 167v von Dom Hs. 212 Sigibertus bindit libellum schrieb (Sigibert hat das Buch gebunden; vgl. Kat.Nr.17) und der möglicherweise für Kanzler Hildebald in Aachen tätig war. Dagegen nahm McKitterick (1985, S. 112f.) das Sigibertus scripsit wörtlich. Sie hielt Sigibert für den Schreiber von Dom Hs. 213 und sah in ihm einen Gefährten des hl. Willibrord (658-739) aus England oder Irland. Er habe das Buch nach Willibrords Tod geschrieben und danach vielleicht auch die Dom-Handschriften 210 und 212 (Kat.Nrn.19, 17) nach Köln mitgebracht. Die drei bedeutenden Codices wären in diesem Fall schon vor der Mitte des 8. Jahrhunderts nach Köln gelangt, was hinsichtlich der Entstehungsgeschichte der Kölner Dombibliothek unwahrscheinlich sein dürfte.

Überblickbeschreibung aus: Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 110-114 (Anton von Euw)

Impressum
Herausgeber
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
Redaktion
Im Rahmen des DFG-Projekts CEEC bearbeitet von Patrick Sahle; Torsten Schaßan (2000-2004)
 
Bearbeitung im Rahmen des Projekts Migration der CEEC-Altdaten von Marcus Stark; Siegfried Schmidt; Harald Horst; Stefan Spengler; Patrick Dinger; Torsten Schaßan (2017-2019)
Ort
Köln
Datum
2018
URN
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-2304
PURL
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-2304
Lizenzangaben

Die Bilder sind unter der Lizenz CC BY-NC 4.0 veröffentlicht

Diese Beschreibung und alle Metadaten sind unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 veröffentlicht

Klassifikation