Beschreibung von Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 88

Bibliographische Beschreibung

Sammeltitel
Sakramentar
Entstehungsort
Fulda
Entstehungsort
Trier
Entstehungszeit
3. Viertel 10. Jh.
Entstehungszeit
4. Viertel 10. Jh.
Beschreibstoff
Pergament
Umfang
179 Blätter
Format
276 mm x 230 mm
Persistenter Identifier
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-5288 Persistent Identifier (URN)
Weitere Angaben
Land
Deutschland
Ort
Köln
Sammlung
Dombibliothek
Signatur
Cod. 88

Überblickbeschreibung

Sakramentar

Dom Hs. 88 ist das jüngere der beiden gregorianischen Sakramentare der Dombibliothek. Mannigfaltige Gebrauchsspuren und Nachträge lassen ersehen, daß die Handschrift, im Gegensatz zu Dom Hs. 137 (Kat.Nr.81), über Jahrhunderte in der Kölner Domkirche benutzt worden ist. Die Nachträge beziehen sich weitgehend auf den 'Ordo missae', also die Ordnung des Meßverlaufs, die sich um die Jahrtausendwende tiefgreifend änderte. Es wurden nun begleitende Stillgebete gallisch-fränkischer Herkunft eingefügt, die gemäß damaliger Frömmigkeit hauptsächlich apologetischen Charakter haben, also das Erbarmen Gottes für den sich selbst als unwürdig ansehenden Liturgen und seine Assistenz erflehen. Einige wenige dieser Gebete finden sich schon als Nachtrag in Dom Hs. 137 (1r). Dom Hs. 88 bietet zusätzlich zum kurzen 'Ordo missae' aus dem Grundbestand des Sakramentars (25rff.) einen eigenständigen Meßverlauf (9r-15r). Die apologetische Grundstruktur der Gebete weist diesen Meßordo als Apologientyp aus, ein Vorläufer des sich um das Jahr 1000 ausbildenden sog. Rheinischen Meßordo. Der Ordo aus Dom Hs. 88 beginnt mit einer Litanei, gefolgt von Bußgebeten vor der Messe, den Suscipe-Gebeten um Annahme des Opfers bei der Eucharistiefeier, schließlich den Gebeten um die Kommunionriten. Ein Redaktor wohl spätmittelalterlicher Zeit griff zudem in den 'Ordo missae' des Sakramentars ein und fügte eine eigene Pergamentseite hinzu, auf der er weitere inzwischen in den Meßverlauf hineingewachsene Gebete des Kommunionritus ergänzte (29r/v). Diese Gebete sind schon Zeugen für den Einfluß des Rheinischen Meßordo auf die Kölnische Liturgie, von dem erst Dom Hs. 149 (Kat.Nr.93) zur Gänze geprägt ist.

Zustand und Zusammensetzung

Lagenstruktur
Lagen 110+1 (das 1. Blatt ist ein Vorsatzblatt im Lagenverbund Blatt 2 = Fol. 1), 26, 38, 48+2, 5-218, 226+3 ;
Seiteneinrichtung
Schriftspiegel 185 mm x 128 bzw. 145 mm (ab 25r);Blindliniierung mit Versalienspalte ( 10 mm ); einspaltig; 20 bzw. 21 (ab 25r) Zeilen.

Schrift und Hände

Lateinischer Text in brauner frühromanischer Minuskel, rubriziert, z.T. in Grün; Auszeichnungsschrift: Uncialis, Capitalis Rustica; Initialen: Capitalis Quadrata mit unzialen Elementen; im Kanongebet Textmajuskeln in z.T. mit Minium schattiertem Gold; zu Beginn einzelner Formulare und Gebete ein- bis mehrzeilige Initialen in Minium oder Rot;

Buchschmuck

  • Zu Beginn einzelner Gebete im Kanon bzw. zu Beginn hervorgehobener Formulare ein- bis mehrzeilige Initialen in rot oder violett schattiertem Gold; für die Feste der Weihnachtszeit bis zum 2. Februar und den Ostersonntag mehrzeilige Initialen in rot umrandetem Gold mit Flechtband-, vegetabiler und zoomorpher Ornamentik sowie mit grüner, blauer und violetter Schattierung; z.T. architektonisch gerahmte Zierfelder und Zierseiten zu Beginn der Formulare für die Weihnachtsvigil, Karsamstag und das Kanongebet mit weißer Schrift auf violettem Grund und großer Initiale in rot umrandetem Gold sowie Flechtband- und vegetabiler Ornamentik.

Einband

Einband: Pergament mit Streicheisenlinien über Pappe (18. Jh.).

Geschichte der Handschrift

Provenienz
Für den Gebrauch in Köln ausgestattet, aber wohl noch während oder kurz nach der Entstehung für den Gebrauch in Trier umgerüstet (s. Katalogtext); Darmstadt 2089.

Inhaltsangabe

  • 2. Vorsatzblatt (Papier) mit einer Inhaltsangabe des 18. Jhs. Av Besitzvermerk des Kölner Doms LIBER SANCTI PETRI ( 15./16. Jh. ); Codex 88 nunc/Codex 106 olim/Sermo de veritate consecrationis/Eucharisticae ( 18. Jh. ).
  • 1r-2v Nachträge.
    • 1r-2r Pseudo-Augustinus, Predigt über die Eucharistie (vgl. Collegeville 1995 ) Sermo sancti [ ] utrum sub figura an sub veritate hoc misticum calicis fiat sacramentum. Veritas ait - desistere umbra, nisi radiante sole ( 11. Jh. ; vgl. Hoffmann 1986).
    • 2v Meßformulare für die heiligen Petronilla und Scholastika (Trier, letztes Viertel 10. Jh. ; vgl. Hoffmann; s. Deshusses III 1982, 46).
  • 3r-8v Titel: Kölner Kalendar mit Trierer Nachträgen und analistischen Notizen (Jaffé/Wattenbach 1874 125; DACL 2189; Amiet 1955 78; Böhne 1990 102ff .).
  • 9r-15r Titel: Zeitgenössischer Nachtrag zum Ordo Missae.
  • 9r-10v Titel: Kölner Litanei mit wenig späteren Trierer Nachträgen über radiertem Text ( 9v ) und weiteren Nachträgen von anderer Hand ( Odenthal 1995 29ff.).
  • 10v Titel: Bitte für Klerus und Volk von St. Peter.
  • 11r-15r Titel: Stillgebete des Priesters vor, während und nach der Messe mit späteren Nachträgen von anderer Hand (Odenthal 33ff.).
  • 15r-24v In Trier nachgetragene Titel: Meßgebete unterschiedlicher Hände, unter anderem Vigil und Depositio Sancti Maximini ( 17v ) (vgl. Hoffmann; s. Amiet 79; Deshusses III, 47).
  • 25r-104v Titel: Gregorianisch-hadrianisches Sakramentar (mit Abweichungen: Pamelius II 1970, 178-297, 319-383 ; Deshusses III, 46).
    • 25r Titel und Beginn des Meßordo in abwechselnd grünen, roten und schwarzen Zeilen Incipit: IN XPISTI NOMINE INCIPIT LIBER SACRAMENTORUM DE CIRCULO ANNI A SANCTO GREGORIO PAPA ROMANO EDITUS. QUALITER MISSA ROMANA CELEBRATUR DIGNUM ET IUSTUM EST .
    • 25v Zierseite Incipit: PRAEFATIO. V(ERE DIGNUM).
    • 26r Zierseite. Fortsetzung der Präfation und Kanongebet T(E IGITUR CLEMENTISSIME PATER PER IHSUM) . Auf dieser und den folgenden Seiten (-28v) Text des Kanongebetes mit im späteren Mittelalter nachgetragenen Anweisungen zur Meßhandlung für den Priester.
    • 27r Im Communicantes Bonifatius und Albanus in Gold zwischen den Zeilen nachgetragen (zeitgen.) und im späteren Mittelalter zusammen mit Martin, Gregor, Augustinus, Hieronymus und Benedikt ausgestrichen.
    • 29r/v Im späteren Mittelalter nachgetragene Titel: Meßgebete vom Agnus Dei bis zum Schlußsegen (Odenthal 40ff.).
    • 30r Zierfeld. Vigil zum Weihnachtsfest Incipit: D(EUS QUI NOS REDEMPTIONIS). Zeitgenössische Marginalglosse mit Gebeten; nachfolgende Weihnachtsmessen und Feiertage bis Li.htmleß (2. Febr.) mit mehrzeiligen Zierinitialen.
    • 63v Zierfeld. Karsamstag Incipit: D(EUS QUI HANC SACRATISSIMAM); nachfolgende Messe für den Ostersonntag mit Zierinitiale.
    • Zwischen 74 und 75 fehlt mindestens eine Lage, die das Formular für das Pfingstfest enthielt.
    • 90v Titel: Messe für den hl. Andreas hervorgehoben (schon im Kalendar mit Vigil und nachgetragener Oktav bedacht).
    • 93v Wenige Titel: Votivmessen beginnend mit der Kirchweihe.
    • 96v Titel: Orationen für die Vergebung der Sünden, für jeden Tag, zu Matutin und Vesper.
  • 105r-156r Titel: Anhang des Benedikt von Aniane (um 750-821) mit den Sonntagsmessen bis zum 24. Sonntag nach Pfingsten, dem Commune sanctorum und Votivmessen (mit Abweichungen: Pamelius II, 388-478, 384-386 ; Deshusses III, 46).
    • 104v Incipit: INCIPIT PRAEFATIO LIBRI SECUNDI A VENERABILI GRIMOLDO (gest. 872 ; Abt von St. Gallen) Incipit: ABBATE EX OPUSCULIS SANCTORUM PATRUM EXCERPTI .
    • 105r Prolog Incipit: Hucusque precedens .
    • 106v-108r Titel: Gesang zur Weihe der Osterkerze (mit Neumen) Incipit: Exultet iam angelica .
    • 146v Titel: Exorzismusformeln, Benediktionen und Orationen.
  • 156v-172v Titel: Messen des Alkuin ( um 730-804 ), beginnend mit der Messe zu Ehren der Trinität (mit wenigen Abweichungen: Pamelius II, 518-544; mit Abweichungen: Deshusses 1972, 7ff.; s. Deshusses III, 46 ). In den Editionen fehlen u.a. die vier letzten Formulare: Incipit: Missa pro concordia fratrum, Missa pro sterilitate terrae (Hauptschreiber), Incipit: Missa communis, Missa pro uno homine (wenig späterer Schreiber) ( Deshusses III, 47).
  • 172v-179v Zeitgenössische und spätere Nachträge.
    • 172v-174v Evtl. in Trier nachgetragene Präfationen ( Deshusses III, 47).
    • 175r-177r Titel: Orationen u.a. zu den Gebetsstunden (Pamelius II, 545-548, 544-545 ; Deshusses III, 46).
    • 178v-179v Zu einem späteren Zeitpunkt in Trier nachgetragene Titel: Benediktionen (Deshusses III, 47).

Bibliographie

  • Hartzheim 1752, S. 49, 86, 126f., 140
  • Jaffé/Wattenbach 1874, S. 33, 125f.
  • G. Zilliken, Der Kölner Festkalender. Seine Entwicklung und seine Verwendung zu Urkundendatierungen, in: BJ 119 (1910), S. 25ff.
  • DACL III/2, 1914, Sp. 2189f.
  • E. Baron, Mainzer Buchmalerei in karolingischer und frühottonischer Zeit, in: JKW 7 (1930), S. 124f.
  • Kdm Köln 1/III, 1938, S. 394, Nr. 7 (Lit.)
  • R. Amiet, Les sacramentaires 88 et 137 du chapitre de Cologne, in: Scr 9 (1955), S. 76ff.
  • E. Bourque, Étude sur les sacramentaires romains II: Les textes remanies 2: Le sacramentaire d'Hadrien, Vatikanstadt 1958, S. 271f., Nr. 217
  • MGH Formulae [1886] ND 1963, S. 619f., 687ff.
  • P. Bloch, Das Sakramentar Col. Metr. 88 in der Schatzkammer, in: KDB 21/22 (1963), S. 81ff.
  • CLLA I/2, 1968, S. 353, Nr. 746, Anm.1
  • von den Brincken 1968, S. 150
  • J. Pamelius, Liturgica Latinorum, Bd. I-II, [Köln 1571] ND Westmead 1970
  • J. Deshusses, Les messes d'Alcuin, in: ALW 14 (1972), S. 7ff.
  • J. Deshusses, Le Sacramentaire Grégorien. Ses principales formes d'après les plus anciens manuscrits. Édition comparative I: Le sacramentaire, le supplément d'Aniane, Fribourg 1971 (Spicilegium Friburgense 16), S. 30, 36f., 74; II: Textes complémentaires pour la messe, Fribourg 1979 (Spicilegium Friburgense 24), S. 21, 25; III: Textes complémentaires divers, Fribourg 1982 (Spicilegium Friburgense 28), S. 46f.
  • Schulten 1980, S. 105, Nr. 40
  • G. Bauer, Corvey oder Hildesheim. Zur ottonischen Buchmalerei in Norddeutschland, Diss. Hamburg 1977, S.XL, Nr. 57
  • Ornamenta 1985, I S. 437, 442, Nr.C 18 (A. von Euw)
  • Hoffmann 1986, S. 156ff.
  • W. Böhne, Erzbischof Egbert von Trier und die Fuldaer Schreib- und Malschule des 10. Jahrhunderts, in: AMRhKG 42 (1990), S. 97ff.
  • H. Mayr-Harting , Ottonische Buchmalerei. Liturgische Kunst im Reich der Kaiser, Bischöfe und Äbte, Stuttgart 1991, S. 309ff.
  • A. Häussling, Rez. zu Böhne, in: ALW 33 (1991), S. 99
  • Bernward 1993, II S. 317ff., Nr.V52 (U. Kuder)
  • Handschriftencensus 1993, S. 624f., Nr. 1051
  • E. Palazzo, Les sacramentaires de Fulda. Étude sur l'iconographie et la liturgie ottonienne, Münster 1994, S. 224f.
  • A. Odenthal, Zwei Formulare des Apologientyps der Messe vor dem Jahre 1000. Zu Codex 88 und 137 der Kölner Dombibliothek, in: ALW 37 (1995), S. 25ff.
  • Collegeville 1995, S. 167ff.
  • H. Schneider (Hg.), Die Konzilsordines des Früh- und Hochmittelalters, Hannover 1996 (MGH Ordines de celebrando concilio), S. 435, Anm.58.

Quellenangabe

  • Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung. München 1998. S. 394-398 (Andreas Odenthal/Ulrike Surmann) [Digitaler Volltext]
Impressum
Herausgeber
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
Redaktion
Im Rahmen des DFG-Projekts CEEC bearbeitet von Patrick Sahle; Torsten Schaßan (2000-2004)
 
Bearbeitung im Rahmen des Projekts Migration der CEEC-Altdaten von Marcus Stark; Siegfried Schmidt; Harald Horst; Stefan Spengler; Patrick Dinger; Torsten Schaßan (2017-2019)
Ort
Köln
Datum
2018
URN
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-5288
PURL
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-5288
Lizenzangaben

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