Beschreibung von Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 257

Bibliographische Beschreibung

Sammeltitel
Missale
Entstehungsort
Köln, Fraterhaus St. Michael am Weidenbach
Entstehungszeit
1473
Beschreibstoff
Pergament
Umfang
360 Blätter (fol.275 doppelt, 335 nicht vergeben)
Format
396 mm x 275 mm
Persistenter Identifier
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-5358 Persistent Identifier (URN)
Weitere Angaben
Land
Deutschland
Ort
Köln
Sammlung
Dombibliothek
Signatur
Cod. 257

Überblickbeschreibung

Missale

Für Dom Hs. 257 sind durch einen Eintrag zu Beginn des Buches Besitzer, Funktion und Kaufdatum gesichert (1r). Das Missale wurde 1473 von der Maria-Magdalena-Bruderschaft an der Pfarrkirche St. Laurenz erworben (vgl. Dom Hs. 243, Kat.Nr.104; dort auch Erläuterungen zur Bruderschaft). Zusammen mit einem Kelch und anderem, früher erworbenem Altarschmuck war es zur alleinigen Nutzung durch den Offizianten der Bruderschaft an deren Altar bestimmt, der sich wahrscheinlich auf einer der Emporen in der Pfarrkirche St. Laurenz befand.

Als Missale enthält Dom Hs. 257 Gebete, Lesungen und Gesänge für die Meßfeiern der Bruderschaft während des gesamten Kirchenjahres. Es beinhaltet den gleichbleibenden Meßkanon mit dem eucharistischen Hochgebet und die wechselnden Meßformulare für die beweglichen Feste des Kirchenjahres (Proprium de tempore) und die Heiligenfeste (Proprium de sanctis, Commune sanctorum). Dazwischen stehen Messen für bestimmte Anliegen wie Fürbitte und Totengedenken oder das Kirchweihfest.

Die einzige figürliche Darstellung in Dom Hs. 257 ist das Kanonbild mit Maria und Johannes zu Seiten des gekreuzigten Christus (139v). Es illustriert den Meßkanon, desse Initiale T(e igitur) durch ihre Kreuzform auch formal an das historische Geschehen der Kreuzigung Christi erinnert. Das Blatt ist auf einen separaten Blattsteg geklebt. Daraus ist zu schließen, daß Buchblock und Kanonbild nicht zusammen entstanden sind. Die einzelne Miniatur war zwar beim Heften der Lagen bereits eingeplant, stand aber vermutlich noch nicht zur Verfügung. Andernfalls hätte sie mit am Ende der Lage überstehendem Steg eingeheftet werden können. Dom Hs. 257 entspricht hinsichtlich der separat angefertigten, eingeklebten Miniatur somit Dom Hs. 151 (Kat.Nr.95).

Die farbig und golden gerahmte Kreuzigung ist zusätzlich an drei Seiten von einer Ranke umgeben, die mit der des Kanonbildes in Diözesan Hs. 269 nahezu identisch ist, also wohl aus derselben Werkstatt stammt (vgl. Dom Hs. 151). Im Vergleich zu dem einzigen von Stefan Lochner (um 1400-1451) bekannten Kanonbild (Missale, um 1451; Hamburg, Antiquariat Günther) fällt neben der ähnlichen Handhaltung Mariens, die ein faltenreiches Drapieren des Mantels vor dem Unterleib erlaubt, vor allem eine Orientierung an der Lochnerschen Farbigkeit für die Gewänder auf. Ebenso ist - unberührt von Neuerungen in der Raum- und Gegenstandsdarstellung der gleichzeitigen Kölner Tafelmalerei - an dem flachen Kastenraum mit einfarbigem Grund oder Goldgrund festgehalten. Der gleichen Tradition blieb auch der Maler der Kanonbilder in Diözesan Hs. 269 und Dom Hs. 151 verhaftet.

Dom Hs. 257 weist eine größere Anzahl von Initialen mit Ornamenten in Federzeichnung auf. Nur bei den Initialen zu Beginn des Missale und zu den kirchlichen Hauptfesten, d.h. zum Weihnachtsfest sowie zu Ostern und Pfingsten, wurde auf den Initialkörper Blattgold aufgelegt und eine anspruchsvollere vegetabile Ornamentik eingesetzt, die auf das Kölner Skriptorium der Fraterherren verweist. Im Initialstil, aber auch in den rot unterstrichenen ausführlichen Angaben zum Ablauf der Meßfeiern, steht das Missale dem von den Fraterherren etwas später geschriebenen Euskirchener Missale Cod. I (St. Martin, Pfarrarchiv) so nahe, daß es im gleichen Skriptorium entstanden sein muß (vgl. Gummlich 1997, S. 123ff.). Nicolaus Verkenesser und seine Frau Greitgin Rodenkirchen hatten 1467, kurz vor dem Erwerb von Dom Hs. 257, ein vermutlich auch im Fraterhaus angefertigtes Lektionar (Dom Hs. 235) für St. Laurenz gestiftet, das in Schrift und Initialverzierung Dom Hs. 257 sehr ähnelt.

Zustand und Zusammensetzung

Lagenstruktur
Lagen 12, 2-188, 198+1, 20-278, 284, 29-338, 344, 35-468, 472+3 ;
Seiteneinrichtung
Schriftspiegel 260 bzw. 270 (Kanongebet) x170mm;Liniierung mit Tinte und Metallstift; 2 Spalten von je 77 mm Breite und 16 bzw. 18 mm (Kanongebet) Abstand; 31, 15 (unter Noten) und 18 (Kanongebet) Zeilen;

Schrift und Hände

Lateinischer Text in schwarzer Rotunda bzw. Textura im Kanon, rubriziert;

Musiknotationen

Hufnagelnoten auf Vierlinien-Notensystem; Marginalglossen (16. Jh.)

Buchschmuck

  • Cadellen; rote und blaue Lombarden; 28 3-4 zeilige Lombarden mit blauem/rotem Körper und violetter und roter Federzeichnung (Maiglöckchenfleuronnée); elf Fleuronnée-Initialen mit blauem, rotem oder blau-rot gespaltenem Körper sowie violetter und roter Federzeichnung teils vor grünem Grund (Maiglöckchen, einfache und gefüllte Schnabel- und Schnabelflügelblätter, dreilappige Blätter) auf 22r, 140r, 175v, 176r, 240v, 260r, 292r, 309r, 315r, 329r, 340r; vier 3-6 zeilige Fleuronnée-Initialen mit blau-goldenem oder rot-blau-goldenem gespaltenen Körper sowie violetter und roter Federzeichnung vor grünem Grund mit Ausläufern am Kolumnenrand auf 11r, 23r, 148r, 168r; blau-goldener Zierstab mit Federzeichnung auf 11r; Kanonbild in Deckfarben und Gold.

Hinzufügungen

ausführliche Angaben über den Ablauf der Meßfeiern unter Angabe zahlreicher Gesten etc. des zelebrierenden Priesters.

Einband

Einband: Kalbleder mit Blindprägung über Holz; Streicheisenlinien: Streifenrahmen, rautiertes Mittelfeld; Einzelstempel: Lilie, Rosette, Kleeblatt (?), Muttergottes (?); Blattweiser aus geflochtenen Lederbändern; drei Lesezeichen aus Lederbändern; zwei Messingschließen, fragmentiert erhalten (16. Jh.); darüber ein überlappender Wildlederbezug.

Geschichte der Handschrift

Provenienz
Köln, St. Laurenz; Meßbuch für den Offizianten der Bruderschaft St. Maria Magdalena an St. Laurenz, 1473 von der Bruderschaft erworben; höchstwahrscheinlich nach Auflösung der Pfarre St. Laurenz (7. Juli 1803) infolge des kaiserlichen Dekrets vom 30. Mai 1806 (Übertragung des Kirchenschatzes von St. Laurenz in die Dompfarre) in die Dombibliothek gekommen (vgl. Dom Hs. 258); Besitzvermerk der Dombibliothek (1r).

Inhaltsangabe

  • 1r Titel: Dedikationsnotiz Notum sit quod fraternitas sancte Marie Magdalene in ecclesia parochiali sancti Laurencii comparavit hoc missale. Anno Domini millesimo quadringentesimo septuagesimo tercio. In vigilia sancti Thome apostoli. Quod cum calice et certis ornamentis prius per eam comparatis dedit et assignavit in usum Divini cultus solum per officiantem dicte fraternitatis celebrandi .
  • 3v Rubrik für Exorcismus salis .
  • 4r Titel: Exorcismus salis.
  • 5r-10v Titel: Kalendarium (Köln)
  • 11r-214v Titel: Proprium de tempore (1. Advent - Karsamstag).
    • 11r 1. Advent Incipit: A(d te levavi animam meam).
    • 20v Weihnachtsvigil Incipit: D(eus dixit ad me).
    • 22r Frühmesse Incipit: L(ux fulgebit).
    • 23r Weihnachten Incipit: P(uer natus est).
    • 27v Weihnachtsoktav Incipit: D(eus qui nobis nati salvatoris).
    • 29r Epiphanie Incipit: E(cce advenit).
    • 116r Zur Weihe des Taufwassers in der Osternacht: perspektivische Darstellung eines Kelches mit einem roten Kreuz im Inneren.
    • 119v Responsorium zum Karsamstag Incipit: Sedit angelus ad sepulchrum .
    • 120r-121v Incipit: Ordinarium missae (Gloria, Credo) .
    • 122r/v Leer.
    • 123r-135v Präfationen Incipit: P(er omnia secula seculorum).
    • 136r Incipit: In nativitate Domini in sancte nocte et in die tantum infra actionem. C(ommunicantes).
    • 138r Präfation Incipit: De domina nostra dominicaliter .
    • 139v Kanonbild: Kreuzigung Christi.
    • 140r Hochgebet T(E igitur).
    • 145v Fußsteg: rotes Kreuz mit vier pergamentsichtigen "Löchern" (symbolisieren Nagelwunden Christi) in einem Kreis.
    • 148r Fortsetzung des Proprium de tempore mit Ostersonntag R(E surrexi).
    • 163r Christi Himmelfahrt Incipit: V(iri Galilei).
    • 168r Pfingsten Incipit: S(piritus Domini).
    • 175v Trinitatis Incipit: B(enedicta sit sancta Trinitas).
    • 176r Fronleichnam Incipit: C(ibavit eos).
  • 215r/v Nachtrag auf ursprünglich leerem Blatt. Titel: Brautmesse Deus Israel coniugat vos ; in der D-Initiale: Iohannes Aqu. anno 1574.
  • 216r-236r Titel: Commune sanctorum mit anschließenden Votivmessen.
    • 216r Incipit: In vigilia apostoli. E(go autem).
    • Die meisten der folgenden Messen werden mit zwei- oder dreizeiligen Fleuronnée-Lombarden eingeleitet: 236r Kirchenweihe Incipit: T(erribilis est locus).
  • Ab 240r Marginalglossen des frühen 16. Jhs.
  • 240v Titel: Marienmesse Incipit: S(alve sancta parens).
  • 253r Titel: Totenmesse Incipit: R(equiem eternam).
  • 259r/v Leer.
  • 260r-334r Titel: Proprium de sanctis (Andreas - Katharina).
    • 260r Vigil zum Fest des hl. Andreas Incipit: D(ominus secus mare Galylee).
    • 292r Heimsuchung Mariens Incipit: G(audeamus omnes).
    • 309r Mariä Himmelfahrt Incipit: G(audeamus omnes).
    • 315r Mariä Geburt Incipit: G(audeamus omnes).
  • 359v Nachtrag (16. Jh.?) der Sequenz der Kölner Stadtpatrone G(aude felix Agrippina).
  • 360r/v Leer.

Bibliographie

  • Jahrtausendausstellung der Rheinlande in Köln, Ausst.Kat. Köln 1925, S. 208, Nr. 1186, Vitrine 97, Nr. 1
  • F. Winkler, Stadtkölnische Buchmaler-Werkstätten im 15. Jahrhundert, in: WRJb 3/4 (1926/27), S. 126
  • Heusgen 1933 , S. 20f.
  • Kdm Köln 2/III, 1937, S. 64
  • H. Jerchel, Die niederrheinische Buchmalerei der Spätgotik (1380-1470), in: WRJb 10 (1938), S. 69, Nr. 36, S. 90
  • A. Stange, Deutsche Malerei der Gotik, Bd.V, Berlin 1952, S. 125
  • Herbst des Mittelalters 1970 1970, S. 78, Kat.Nr.100
  • Beschreibung in der Dokumentationsakte von Pater Dr. Herbert Douteil CSSp, Köln-Nippes, 20.6.1972 (Ms.)
  • Kirschbaum 1972, S. 93
  • H. Beckers, Bruchstücke einer deutschen Missaleübersetzung des 15. Jahrhunderts vom Niederrhein. Edition und Kommentierung der Fragmente Aschaffenburg, Stiftsbibliothek, U 106 (Fragm. 9), in: ALW 1 (1985), S. 102, Nachtrag zu Anm.17
  • Handschriftencensus 1993, S. 701f., Nr. 1186
  • J.C. Gummlich, Das Euskirchener Missale Cod. I, in: Werke aus der Kölner Malerschule. Zur Kunstgeschichte um 1500 im Euskirchener Land (Jahresschrift des Vereins der Geschichts- und Heimatfreunde des Kreises Euskirchen 11), Euskirchen 1997, S. 153
  • J.C. Gummlich, Die Kreuzigungsdarstellung in der spätgotischen Kölner Buchmalerei, Diss. Bonn (in Vorbereitung).

Quellenangabe

  • Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung. München 1998. S. 515-517 (Johanna C. Gummlich) [Digitaler Volltext]
Impressum
Herausgeber
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
Redaktion
Im Rahmen des DFG-Projekts CEEC bearbeitet von Patrick Sahle; Torsten Schaßan (2000-2004)
 
Bearbeitung im Rahmen des Projekts Migration der CEEC-Altdaten von Marcus Stark; Siegfried Schmidt; Harald Horst; Stefan Spengler; Patrick Dinger; Torsten Schaßan (2017-2019)
Ort
Köln
Datum
2018
URN
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-5358
PURL
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-5358
Lizenzangaben

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