Beschreibung von Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 56

Bibliographische Beschreibung

Sammeltitel
Evangeliar
Entstehungsort
Umkreis der Freisinger Malerschule
Entstehungszeit
3. Viertel 9. Jh.
Beschreibstoff
Pergament
Umfang
139 Blätter
Format
330 mm x 262 mm
Persistenter Identifier
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-6421 Persistent Identifier (URN)
Weitere Angaben
Land
Deutschland
Ort
Köln
Sammlung
Dombibliothek
Signatur
Cod. 56

Überblickbeschreibung

Evangeliar

Bis heute steht Dom Hs. 56 trotz eindeutiger Parallelen zu drei Evangeliaren der Freisinger Malerschule (München, Staatsbibl., Clm 17011, Clm 6215 und Baltimore, Walters Art Gall., W. 4) aus der Zeit Bischof Annos (854-875) seltsam isoliert unter den Handschriften des 9. Jahrhunderts. Deutlich zeichnen sich die Vorlagen ab, die das Kölner Evangeliar vor allem mit der spätesten der Freisinger Handschriften in Baltimore verbinden. Die in der Landschaft hockenden, in faltenreiche Gewänder fast eingewickelten Evangelisten entstammen derselben Tradition wie diejenigen der Handschriftengruppe des Wiener Krönungsevangeliars, die am Aachener Hof Karls des Großen (768-814) entstand, und vor allem wie diejenigen des Skriptoriums in Reims zur Zeit Erzbischof Ebos (816-835). Hier, in Reims, sind auch die von einem Giebel auf zwei z.T. durchfensterten Säulen gerahmten Kanontafeln beheimatet, die aber in Freising ohne Nachfolge blieben. Dagegen scheinen die hinter dem Rahmen auftretenden Evangelistensymbole in diesen westfränkischen karolingischen Schulen unbekannt zu sein. Sie basieren wahrscheinlich auf südostdeutscher Tradition, wie sie um 800 z.B. im Salzburger (?) Codex Millenarius (Stift Kremsmünster, Cim. 1) aufscheint und daran anschließend in Freising fortgesetzt wird (Wright 1964). Diese Weiterführung umfaßt nicht nur die Symbole, sondern auch die ausgefallene Auswahl der Vorworte, die allerdings in dem Kölner Codex nicht überliefert wird. Ohne direkte Parallele ist lediglich der etwas ungelenke Johannes aus Dom Hs. 56 (101v). In der Haltung seines Oberkörpers entspricht er einem frontal thronenden Evangelisten, der vielleicht auch dem Lukas des Evangeliars in Baltimore (126v) zugrunde gelegen hat. Der Hocker, auf dem Johannes sitzt, erinnert an die Edelsteinthrone der Ada-Handschriften vom Hof Karls des Großen. Sollten auch aus dieser Schule Vorlagen wirksam geworden sein? Hinter dieser verwirrenden Quellenlage werden weitere, möglicherweise schon durch karolingische Aneignung vermittelte Vorlagenschichten deutlich, die in die römische und griechische Spätantike zurückführen. Die Pose des Lukas (64v) und vielleicht auch die des Matthäus (10v) sowie das Mobiliar ihrer Schreibstuben verweisen auf ein (nicht erhaltenes) vorikonoklastisches Tetraevangeliar, das z.B. durch die Handschrift Stauronikita Ms.43 (Berg Athos) überliefert ist (Mütherich 1974, 1987). Eine genauere Bestimmung von dessen Ursprung ermöglichen die Kanontafeln (3r-7r). Die ungewöhnliche Neun-Zahl kommt der griechischen Redaktion nahe, die sieben oder zehn Tafeln umfaßt (gegenüber 12 oder 16 im Westen). Die Verteilung der die Konkordanzstellen enthaltenden Canones auf die einzelnen Tafeln entspricht derjenigen einer süddeutschen Handschrift aus dem 2. Viertel des 9. Jahrhunderts in München (Staatsbibl., Clm 6212), die laut Kolophon nach einer ravennatischen Vorlage des 6. Jahrhunderts kopiert wurde (Mütherich 1974, 1987). Vielleicht liegt hier auch der Ursprung für die sonst nicht nachweisbare Titelseite der Kanonfolge (2v). In die Anfänge der westlichen Evangeliartradition gehören dagegen die wenigen Glossen des Kölner Evangeliars, die womöglich noch auf die Übersetzung durch den Kirchenvater Hieronymus (347/348-419/20) zurückgehen und die in karolingischer Zeit mehrfach auftreten, unter anderem auch in Clm 17011 (Bischoff 1966). So zahlreich die Parallelen zu Freisinger Handschriften auch sein mögen, der Stil der Miniaturen ist dort wesentlich flüssiger als in Dom Hs. 56. Die Kanontafeln, der Initialstil und auch die Textredaktion folgen anderen Traditionen. Zumindest letztere scheint in Augsburg beheimatet zu sein (Mütherich 1997).

Zustand und Zusammensetzung

Lagenstruktur
Lagen 12-1, 26 (möglicherweise ursprünglich mit dem 1. Blatt zusammen ein Quaternio, bei dem das letzte Blatt heute fehlt; s. Collegeville 1995 ), 3-68, 78-1 (Blatt mit den letzten 12 Versen des Matthäusevangeliums und dem Markusportrait auf der Rückseite fehlt; s. Collegeville 1995 ), 8-188, 196-1 ;
Seiteneinrichtung
Schriftspiegel 225 mm x 175 mm ;Blindliniierung mit Versalienspalten ( 8 mm ) und Marginalspalten zu beiden Seiten der Kolumnen (innen 17 mm und außen 20 mm ); 2 Spalten von innen 75 mm , außen 70 mm und 31 mm Abstand; 30 Zeilen.

Schrift und Hände

Lateinischer Text in brauner karolingischer Minuskel, rubriziert; Auszeichnungsschrift: Uncialis, Capitalis Rustica; Initialen: Capitalis Quadrata und Rustica; zu Beginn einzelner Abschnitte zweizeilige Anfangsbuchstaben in Tinte; zu Beginn der einzelnen Kapitel ein- bis dreizeilige Initialen und nachfolgende Zeile oder bis zu drei Zeilen in Quadrata und Uncialis in Minium; Incipits und Explicits in Quadrata, z.T. zeilenweise abwechselnd in Minium und Tinte;

Buchschmuck

  • Zu Beginn der Kanontafeln Titelzierseite mit Quadrata in Tinte und Minium unter Arkadenrahmung; Kanontafeln und Miniaturen in Deckfarben.

Einband

Einband: Pergament mit Streicheisenlinien über Pappe (Mitte 18. Jh.).

Geschichte der Handschrift

Provenienz
Kurz nach seiner Entstehung gelangte das Evangeliar nach Köln, wo es für die Marginalglossen in der Hs.W 147 des Kölner Stadtarchivs als Vorlage verwendet wurde (Mütherich 1974). Laut Beissel (1967) ist sein Perikopenverzeichnis mit demjenigen in Dom Hs. 14 identisch, das dem von Klauser (1972) rekonstruierten römisch-fränkischen Typus Delta folgt. Dom Hs. 56 wurde aber kurz nach seiner Entstehung - möglicherweise in Köln - von den römisch-fränkischen Vorgaben abweichend korrigiert. Das in diesem Zusammenhang ebenfalls von Beissel genannte ottonische Kölner Evangeliar Diözesan Hs. 1a folgt dieser korrigierten Fassung. Darmstadt 2051.

Inhaltsangabe

  • 1r-9r Vorreden und Kanontafeln.
    • 1r Autor: Hieronymus Titel: Vorrede zu den Evangelien. Brief an Papst Damasus Incipit: INCIPIT PRAEFATIO SANCTI HIERONIMI. BEATO PAPAE DAMASO Hieronimus. Novum opus (Stegmüller 595).
    • 2r Explicit: EXPLICIT EPISTOLA BEATI HIERONIMI.
    • 2v Titelzierseite zur Kanonfolge IN NOMINE DOMINI NOSTRI IHESU XPISTI INCIPIUNT CANONES .
    • 3r-7r Neun Kanontafeln (I, I-II, 2II, III-IV, V, VI-IX, XMt, Mk, Lk, XJo).
    • 6r Eingeritzte Zeichnung u.a. eines Löwen und eines Adlers.
    • 8r Vorrede PLURES FUISSE (Stegmüller 596 ). Sollte die im Collegeville-Katalog geäußerte Vermutung richtig sein, fehlt zwischen den beiden Vorreden heute ein Blatt.
  • 9r-42v Titel: Matthäusevangelium .
    • 9v Capitula.
    • 10r Eingeritzte Zeichnung der Büste eines Evangelisten (?).
    • 10v Evangelist Matthäus; im auf dem Pult liegenden Buch des Evangelisten der Anfang seines Evangeliums.
    • 11r LIBER GENERATIONIS . Hervorgehoben sind: 11v Bericht von der Geburt Christi X(RISTI AUTEM GENERATIO) , 38v Beginn des Passionsberichtes ET FACTUM EST ,
    • 42v Osterbericht VESPERE AUTEM ibi eum videbitis sicut dixit vobis . Die folgende Seite mit der Fortsetzung des Textes (r) und dem Evangelistenbild zum Markusevangelium (v) fehlt.
  • 43r-64r Titel: Markusevangelium .
    • 43v EXPLICIUNT CAPITULA .
    • 44r INCIPIT EVANGELIUM SECUNDUM MARCUM. INITIUM EVANGELII.
    • 58r Eingeritzte Zeichnung von vegetabiler Ornamentik.
    • 64r EXPLICIT EVANGELIUM SECUNDUM MARCUM.
  • 64v-101r Titel: Lukasevangelium .
    • 64v Evangelist Lukas; im Buch der Titel zu seinem Evangelium SEQUENTIA SANCTI EVANGELII SECUNDUM LUCAM.
    • 65r Vorrede INCIPIT PRAEFATIO SECUNDUM LUCAM. LUCAS SYRUS ANTIOCEN sis (Stegmüller 620).
    • 65v Capitula.
    • 66v EXPLICIUNT CAPITULA SECUNDUM LUCAM. INCIPIT EVANGELIUM SECUNDUM LUCAM. Q(UONIAM QUIDEM).
    • 101r EXPLICIT EVANGELIUM SECUNDUM LUCAM.
  • 101v-127r Titel: Johannesevangelium .
    • 101v Evangelist Johannes; in seinen Büchern der Titel zu seinem Evangelium SEQUENTIA SANCTI EVANGELII SECUNDUM IOHANNEM und der Beginn seines Evangeliums.
    • 103r IN PRINCIPIO.
  • 127r-138v Titel: Capitulare evangeliorum .
    • 137v LECTIONES EVVANGELIORUM DE DIVERSIS CAUSIS.
  • 139r/v Leer.

Bibliographie

  • Hartzheim 1752, S. 30, 122
  • Jaffé/Wattenbach 1874, S. 17
  • Decker 1895, S. 238, Nr. 47
  • Ehl 1922, S. 21ff.
  • Frenken 1923, S. 53
  • Schnitzler I 1957, S. 26, Nr. 20
  • A. Boeckler, Deutsche Buchmalerei vorgotischer Zeit, Königstein/T. 1959, S. 77, Nr. 16
  • D.H. Wright, The Codex Millenarius and its Modells, in: MüJb 3.F.15 (1964), S. 53 Anm.25, S. 41
  • B. Bischoff, Zur Rekonstruktion der ältesten Handschrift der Vulgata-Evangelien und der Vorlage ihrer Marginalien, in: Bischoff, Studien I 1966, S. 104ff.
  • Bischoff 1966, S. 17
  • Beissel 1967, S. 160f.
  • Bloch/Schnitzler II 1970, S. 14
  • F. Mütherich, The Gospel Book W 4 of the Walters Art Gallery and its Place in the Freising Scriptorium, in: Gatherings in honour of Dorothy E. Miner, Baltimore 1974, S. 115ff.
  • Schulten 1978, S. 46, Nr. 91
  • C. Nordenfalk, Der inspirierte Evangelist, in: WJKu 36 (1983), S. 187
  • F. Mütherich, Die Kanontafeln des Evangeliars Codex 56 in Köln, in: Florilegium in honorem Carl Nordenfalk, Stockholm 1987, S. 159ff.
  • Fischer 1988-1991
  • von Euw, Evangelien 1989, S. 44ff.
  • Handschriftencensus 1993, S. 603, Nr. 1016
  • K. Bierbrauer, Die Freisinger Buchmalerei im 8. und 9. Jahrhundert, in: P. Steiner/H. Ramisch (Hgg.), Freising. 1250 Jahre Geistliche Stadt II: Beiträge zur Geschichte und Kunstgeschichte der altbayerischen Bischofsstadt, München/Dillingen a.d. Donau 1994, S. 44
  • Collegeville 1995, S. 93f.
  • F. Mütherich, Spuren eines byzantinischen Evangeliars, in: A. Amberger u.a. (Hgg.), Per assiduum studium scientiae adipisci margaritam. Festgabe für Ursula Nilgen, St. Ottilien 1997, S. 19ff.

Quellenangabe

  • Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung. München 1998. S. 343-344 (Ulrike Surmann) [Digitaler Volltext]
Impressum
Herausgeber
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
Redaktion
Im Rahmen des DFG-Projekts CEEC bearbeitet von Patrick Sahle; Torsten Schaßan (2000-2004)
 
Bearbeitung im Rahmen des Projekts Migration der CEEC-Altdaten von Marcus Stark; Siegfried Schmidt; Harald Horst; Stefan Spengler; Patrick Dinger; Torsten Schaßan (2017-2019)
Ort
Köln
Datum
2018
URN
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-6421
PURL
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-6421
Lizenzangaben

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Klassifikation