Beschreibung von Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 196

Bibliographische Beschreibung

Handschriftentitel
Egbert von Lüttich : Fecunda ratis
Entstehungsort
Lüttich (?)
Entstehungszeit
um 1050
Beschreibstoff
Pergament
Umfang
63 Blätter
Format
220 mm x 184 mm
Persistenter Identifier
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-6678 Persistent Identifier (URN)
Weitere Angaben
Land
Deutschland
Ort
Köln
Sammlung
Dombibliothek
Signatur
Cod. 196

Überblickbeschreibung

Egbert von Lüttich: Fecunda ratis

Dom Hs. 196 ist aller Wahrscheinlichkeit nach die einzige erhaltene Abschrift der faszinierenden Sammlung von Sprüchen, Lebensweisheiten, Fabeln, Anekdoten und Erzählungen, die nach einer Notiz im Randkommentar (2r) den Titel Fecunda ratis (Das vollbeladene Schiff) trägt. Die Handschrift wurde im 11. Jahrhundert von zwei Hauptschreibern gefertigt, denen eine ganze Reihe von Händen (nach Voigt 1889 weitere 10) zu Hilfe kam, um vergessene Verse nachzutragen, Korrekturen anzubringen, die abgeschabten Blätter 13 und 14 zu ergänzen und Kommentare und Glossen an den Rand zu schreiben. Nach dem Vergleich mit einem weiteren Exemplar haben die Korrektoren nicht nur Varianten, sondern auch eigene Lesarten in den Text eingefügt.

Der Verfasser des Werkes ist Egbert von Lüttich (geb. um 972), Lehrer an der Domschule zu Lüttich, wo er wohl nach langen Jahren des Unterrichtens um 1023 diese "Blütenlese" als Lektüre für die jüngeren Schüler verfertigte. Als formale Vorbilder wählte er sich die in den Schulen beliebte Sammlung der sog. 'Disticha Catonis' und die Fabeln des Avian (4./5. Jh.). Die Inhalte schöpfte der gelehrte Geistliche aus einer Fülle antiker Schriftsteller (z.B. Plautus, Vergil, Horaz, Ovid, Seneca), aus der Bibel und der christlichen Literatur (bes. Augustinus, Hieronymus und Gregor der Große). Besondere Bedeutung erhält das Werk aber durch die Aufnahme von Erzählgut aus der Volkssprache, die Egbert nach seinem Widmungsbrief als erster aufnahm und in lateinische Verse geformt seiner Sammlung hinzufügte.

Egbert hat sich der seit der Antike geläufigen Metapher vom Wagnis des Schriftstellerns als der Fahrt mit dem Schiff aufs hohe Meer bedient und sein Werk allegorisch als Schiff gestaltet, auf dem der Mensch sicher durch das Leben fahren kann. Der Umfang der Texteinheiten, die einem Thema gewidmet sind, wächst von Einzel- zu Doppelversen und schließlich zu Gruppen von drei, vier oder mehr Versen. Der erste Teil des "Bugs" besteht aus selbständigen Einzelversen, die ihr Thema jeweils so kurz und prägnant behandeln, daß Übersetzung und Verstehen nicht immer leicht fallen. Hier hilft oft der Randkommentar, der leider ohne ersichtliche Gründe plötzlich und unvermittelt abbricht. Verständlicher und anschaulicher sind die Doppelverse und die mehrere Hexameter umfassenden Erzählungen, z.B. die Fabeln von Wolf, Fuchs und Bär. Auf dem Bug sind in bunter, kurzweiliger Reihe Regeln aller Art gesammelt. Neben moralischen Aussagen stehen z.B. Weisheiten wie die, daß weder frühe Besucher noch morgendlicher Regen lange bleiben Non multum metuas matutinum hospitem et ymbrem (Vers 263, 8r). Die Warnung vor voreiligen Schlüssen Linguam taurus habet, quamvis non multa loquatur (Vers 375, 11r) - Auch wenn der Stier nicht viel spricht, so hat er doch eine Zunge - (ähnlich Vers 232) ist genauso zu finden wie die Feststellung, daß ein weiser Mensch auf einen Freund ebensowenig verzichten kann wie der Fisch auf das Wasser Piscis aqua non sponte caret nec doctus amico (12r). Gegen Falten und graue Haare kann kein Arzt helfen (Vers 1048-50, 27r), manche Ehemänner sind einfach viel zu jung (Vers 1158-61, 30r) und mancher Lehrer ist nicht nur faul, sondern fragt dumme Schüler auch nach Dingen, die er gar nicht gelehrt hat (Vers 1253ff., 33r). Im zweiten Buch, dem Heck, auf dem der Steuermann seinen Platz hat, überwiegen dann biblische und theologische Inhalte. Die Geschichten werden in einige Verse gefaßt und gedeutet, Auslegungen und Erzählungen der Kirchenväter eingefügt und moralisch-theologische Richtlinien für ein gottgemäßes Leben einprägsam zusammengestellt.

Zustand und Zusammensetzung

Lagenstruktur
Lagen 18, 210, 3-78, 84+1 ;
Seiteneinrichtung
Schriftspiegel 152 mm x 94m mm m;Blindliniierung mit Versalienspalten ( 8 mm ); einspaltig; 20 Zeilen.

Schrift und Hände

Lateinischer Text in dunkelbrauner bis schwarzer frühromanischer Minuskel, nicht rubriziert; ein-, zwei- und dreizeilige Anfangsbuchstaben und Initialen in Tinte; Initialen in Rustica und Capitalis Quadrata;

Musiknotationen

Hymnus de nativitate Domine mit Neumen versehen (63r);

Einband

Einband: Pergament mit Streicheisenlinien über Pappe (Mitte 18. Jh.).

Geschichte der Handschrift

Provenienz
Darmstadt 2440.

Inhaltsangabe

  • 1r-62v Autor: Egbert von Lüttich Titel: Fecunda ratis (Voigt 1889).
    • 1r Titel Incipit: Incipit libellus prorae distinctae. Secundus vocatur puppis aerata. Ad Adalboldum episcopum .
    • 1r/1v Widmungsbrief an Bischof Adalbold von Utrecht Incipit: A(dalboldo) gratia Dei episcopo litterarum studiis admodum instituto.
    • 1v-47r Buch I. Prora - Der Bug.
      • 1v Incipit: Nilus ut Egyptum perfundit flumine dextro/sic tua percurrat peto lingua diserta libellum./Lintris foeta iocis diversa aplustria portat,/cuius prora nitet vario distincta colore .
      • 1v-11v Ausführlicher Randkommentar, der nach Vers 401 abrupt endet ( Voigt 1889).
      • 16r Incipit: Hic sensus in duobus invenitur versiculis .
      • 19v-21v Kennzeichnung der Distichen mit Randzeichen.
      • 26r-28r Dreiergruppen von Versen jeweils mit Überschriften versehen.
      • 26r Incipit: Modo sensus in tribus versibus .
      • 28r-47r Gruppen von vier und mehr Versen, jeweils mit Überschriften versehen.
      • 28r Unvollständige Überschrift Incipit: De quattuor versiculis .
      • 28v Incipit: Item De quattuor versiculis et reliquis indifferenter positis .
    • 47r-63r Buch II. Incipit: Puppis - Das Heck.
      • 47r Incipit: Incipit secundus libellus puppis aeratae . Einleitungsverse Incipit: Comminus aeratae succedunt postera puppis,/cuius non dolabro est sed caesa crepido securi . Ab
      • 53r zunehmend Überschriften am Rand, nicht mehr im Text.
  • 63r Weihnachtshymnus (34 Zeilen) Incipit: Dulce melos cum organos .
  • 63v Gebet (16 Zeilen), überschrieben mit Incipit: Oratio pulcra . Beginn Incipit: O lux mentium expelle a me stultitiae noctem et dona me sapientiae diem .
  • zeitgenössische Glossierung meist in hellerem Braun.

Bibliographie

  • Hartzheim 1752, S. 159
  • Jaffé/Wattenbach 1874, S. 82f.
  • E. Voigt, Egberts von Lüttich Fecunda ratis, Halle 1889
  • J. Stiennon, Les écoles de Liège aux 11me et 12me siècles, Ausst.Kat. Lüttich 1967, S. 23f.
  • Rhein und MaasI 1972, S. 76
  • VL, 1980, Sp. 361ff.
  • W. Maaz, Egbert von Lüttich, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Bd. III, Berlin 1981, Sp. 1010ff.
  • Jeffré 1984 , S. 25
  • L'Ecole primaire en Belgique depuis le Moyen Age, Ausst.Kat. Brüssel 1986/87, S. 241, Nr. 373
  • Handschriftencensus 1993, S. 677f., Nr. 1145.

Quellenangabe

  • Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung. München 1998. S. 321-323 (Alexander Arweiler) [Digitaler Volltext]
Impressum
Herausgeber
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
Redaktion
Im Rahmen des DFG-Projekts CEEC bearbeitet von Patrick Sahle; Torsten Schaßan (2000-2004)
 
Bearbeitung im Rahmen des Projekts Migration der CEEC-Altdaten von Marcus Stark; Siegfried Schmidt; Harald Horst; Stefan Spengler; Patrick Dinger; Torsten Schaßan (2017-2019)
Ort
Köln
Datum
2018
URN
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-6678
PURL
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-6678
Lizenzangaben

Die Bilder sind unter der Lizenz CC BY-NC 4.0 veröffentlicht

Diese Beschreibung und alle Metadaten sind unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 veröffentlicht

Klassifikation