Beschreibung von Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 14

Bibliographische Beschreibung

Sammeltitel
Evangeliar
Entstehungsort
Frankosächsisch,
Entstehungszeit
um 860/70
Beschreibstoff
Pergament
Umfang
215 Blätter,
Format
30,5 cm x 22 cm
Persistenter Identifier
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-7687 Persistent Identifier (URN)
Weitere Angaben
Land
Deutschland
Ort
Köln
Sammlung
Dombibliothek
Signatur
Cod. 14
Katalogsignatur
Schulten-1980: Kat. 2

Buchschmuck

  • Bl. 1v zeigt das Autorenbild des hl. Hieronymus . Die Inschrift SCS HIERONIMUS in vergoldeten Großbuchstaben. Der sitzende Heilige, Übersetzer der Hl. Schrift ins Lateinische, schreibt an einem Buch auf dem vor ihm stehenden Pult. In der Linken hält der Verfasser das Tintengefäß. Er ist bekleidet mit einem roten Untergewand und einem dunklen Überwurf mit Kapuze. Das Untergewand scheint durch. Einige Weißhöhungen. Nimbus gelb mit Goldrand. - Bei den frühen Kölner Handschriften taucht hier erstmals in einem Evangelienbuch das Bild des hl. Hieronymus auf, wie es für die Kölner Malerschule kennzeichnend wurde. Zwar ist vermutet worden, daß unsere Handschrift in Köln entstanden sein könnte, doch bleibt die Annahme berechtigt, daß Erzbischof Hildebold (785-819) das Evangeliar aus Nordfrankreich (Saint Amand?) besorgt hat.

    Auf der nächsten Seite (Bl. 2r), zwei ineinander verschlungene Zierbuchstaben NO als Beginn des Schreibens an Papst Damasus . BEATISSIMO PAPAE DAMASO + HIERONIMUS steht in Goldbuchstaben darüber. Das Schreiben an Papst Damasus wird unter den Zierbuchstaben weitergeführt: (NO) VUM OPUS. ME. Die Zierbuchstaben sind ausgefüllt mit weißem Flechtwerk auf dunklem Grund. Die Teile des N sind mit Gold auf Rot gerahmt. Kopf und Fuß bei den senkrechten Balken des N bestehen aus silbernen Voluten gleicher Gestalt auf Rot mit Grün und Weiß. Die Rahmen beider Zierseiten haben gleiche Gestalt und Farbe. Weißes Flechtwerk auf dunklem Grund mit bläulichen Füllungen wird außen von goldenen, innen von silbernen Stäben auf Rot eingefaßt. Die Eckquadrate sind gefüllt durch zwei versetzte gleichschenklige Kreuze in Silber und Rot auf gelbem Grund. Die Kreuzesenden haben Lilienform. Rahmung der acht Quadrate in Gold auf Rot. Stuhl und Ständer des Hieronymusbildes bestehen aus dünnen Stäben, Platten, Voluten und Knäufen, die formal wie Elemente des Buchstabenschmuckes erscheinen. - Auf den Blättern 2v-3r wird das Schreiben an Papst Damasus einspaltig in karolingischer Kleinschrift fortgesetzt. Anschließend auf 3r-4v folgt der Prolog der vier Evangelien, das Schreiben des Eusebius an Carpianus (4v-5r), das Argumentum secundum Matthäum, ein Vorwort über Verfasser, Eigenart und Bedeutung des Matthäusevangeliums (5v-6r) und die Capitula, Inhaltsangaben der Kapitel des Evangeliums (6r- 8r).

    Auf den Blättern 9v-15r stehen die Kanones, 12 Vergleichstabellen der Parallelstellen der vier Evangelien, wie sie Eusebius in seinem Brief an Carpianus erklärt. - Die vierspaltigen Kanones sind in Doppelarkaden eingeschlossen, wobei jede Arkade wiederum durch einen Doppelbogen unterteilt ist. Die dreispaltigen Tafeln werden überfangen von einem großen Bogen, dessen Feld durch drei Arkaden gegliedert ist, deren Bogenfelder Dreiviertelkreise darstellen. Unter den Kapitellen finden sich solche in bauchiger Kelchform mit Blattwerk. Es kommt auch vor, daß die Kapitelle ersetzt werden durch eine verschlungene Schnallenform. Manchmal sind die Schnallen stilisierte Vogelkörper. Ornamentielle Scheiben treten ebenfalls an die Stelle der Kapitelle. Die zierlichen Zwischenstützen tragen in der Mitte als Schmuck ornamentierte Zierscheiben und Schnallen. Die Basen der Säulen bestehen aus geschichteten dünnen Platten, Wülsten, Hohlkehlen, Voluten und einmal aus Tierfüßen mit ornamentierten Scheiben. Gold, Silber, Blau, Rotbraun, Grün und Gelb sind die bestimmenden Farben. Bei einigen Pfeilern gibt es marmorierte Leisten.

    Nach den Kanontafeln folgen vier Zierseiten zum Beginn des Matthäusevangeliums (Bl. 15v-17r), danach zwei Seiten des Stammbaumes Jesu, ganz in großen Goldbuchstaben. Da bei keinem der übrigen Evangelien Textseiten so kostbar geschrieben sind, darf man folgern, daß man den Glauben an die Menschwerdung Jesu und die menschliche Herkunft besonders betonen wollte (17v und 18r). - Das Autorenbild ist im Unterschied zu den folgenden Autorenbildern rechteckig gerahmt. Quadrate mit Rosetten verstärken die Ecken. Nicht Matthäus , sondern Johannes d. T. und Maria sind dargestellt. Johannes größer, Maria links daneben kleiner, beide in gleicher Haltung und Gebärde. Diese ikonographische Besonderheit hat ihren Ursprung wahrscheinlich in östlichen Vorstellungen, auf der Titelseite Personen oder Ereignisse darzustellen, die das Evangelium besonders kennzeichnen. Johannes der Prodromos (Vorläufer) steht in einem Medaillon auf der Titelseite des Markusevangeliums einer griechischen Bibel, die allerdings erst aus dem 11. Jh. stammt (Paris, Ms. graec. 74), aber wohl auf älteren Vorbildern beruht. Noch das späte Kölner Evangeliar aus St. Georg (1100-1120), das sich heute im Schnütgen-Museum befindet, besitzt unter den Titelseiten zu Matthäus ein ganzseitiges Marienbild, das Markusevangeliar ein ganzseitiges Bild Johannes d. T. Jedoch hat schon das syrische Rabbula-Evangeliar (586) ein Marienbild (Maria mit Kind) am Anfang der Texte. Der Londoner Elfenbeinbuchdeckel des Lorcher Evangeliars (Anf. 9. Jh.) zeigt in der Mitte die thronende Madonna mit Kind und links daneben Johannes den Täufer , der auf Maria hinweist, rechts Zacharias , den Vater Johannes des Täufers . - Maria ist die letzte vom Stammbaum Jesu, den Matthäus zu Anfang des Evangeliums niederschreibt. Aus ihr wurde "Jesus geboren, der Christus genannt" (Mt. 1,16) wird.

    Johannes d. T. , fast immer zu Markus gehörig, ist der Vorläufer. Er steht in enger Beziehung auch zur Menschwerdung (Besuch Mariens bei Elisabeth ). Johannes ist der "Freund des Bräutigams" (Joh. 3,29), der die Braut (das Volk am Jordan) dem Bräutigam (Christus) zuführt und sich über diese Tat freut. Die Griechen nennen Johannes d. T. daher den "Brautführer" (Paranymphe). Maria kann in der Ikonographie für das Volk Gottes oder die Kirche stehen. Außerdem wird bei Matthäus (11,11) Johannes d. T. als der Größte der vom Weibe Geborenen bezeichnet. Mögen auch ikonographische und theologische Überlegungen den Sinn unserer Darstellung erklärbar machen, es fehlt bisher die Kenntnis von Evangeliaren, bei denen das Autorenbild des Matthäus durch eine Darstellung von Maria und Johannes d. T. ersetzt wurde.

    Der Figurenstil wirkt "altertümlich". Die Haltung des Körpers und die Gesten, wie auch die Binnenzeichnung der Gewänder, erinnern noch an den Tetramorph aus dem viel älteren Evangeliar aus Trier (730 n. Chr.), das zur Gruppe der hiberno-sächsischen Handschriften gehört. Das zweite franko-sächsische Evangeliar von 870, das in Köln (Schnütgen-Museum) aufbewahrt wird, zeigt bei vergleichbarer ornamentaler Durchbildung einen entwickelteren Figurenstil. In unserem Evangeliar dagegen sind Figur und Ornament vom gleichen "strengen Flächenstil" geprägt, der der insularen Kunst noch immer verpflichtet bleibt. Auch die Kolorierung der Figuren bildet mit der der Ornamente eine Einheit.

    Die folgende Incipit-Seite ("Incipit Evangelium secundum Matthaeum" in Großbuchstaben mit Kürzeln) ist mit einer Rundbogenarkade ausgezeichnet. Die Kapitelle bestehen aus menschlichen Gesichtern, umfangen von einem stilisierten doppelköpfigen Vogelleib. Das menschliche Gesicht ist das Symbol des Evangelisten Matthäus . Die Basen der Pfeiler bestehen aus stilisierten Vogelleibern auf einer Platte (vgl. Evangeliar aus Flavigny von C. 780 mit Figuren als Kapitell und Basis). - Die beiden folgenden Initial-Zierseiten heben die beiden Anfangsworte des Evangeliums hervor LIBER GENERATIONIS. Von schönen Goldrahmen mit Flechtwerk werden sie umschlossen. Die Ecken der Rahmen sind verklammert durch dünne stilisierte Vogelleiber in Silber. Die Schnäbel der Tiere fassen die Rahmung. Nur L und I des Anfangswortes sind mit Ornamenten verziert, in ihrer Zuordnung zueinander verwandt der gleichen Initialseite des Evangeliars von 870 im Schnütgen-Museum und anderer vergleichbarer Handschriften.

    Das Markusevangelium bringt auf den Bll. 66r-67r Prolog und Argumentum (vgl. oben). Vom Worte MARCUS zu Anfang des Prologs sind die Buchstaben M und A freigestellt und ineinander verschlungen sowie durch Flechtwerk, Voluten und Farbe hervorgehoben. Autorenblatt (67v) und Incipitseite (68r) ziert eine in Form und Farbe gleiche Arkade. Der Evangelist schreibt thronend die ersten Worte in sein Evangelienbuch (INITIUM EVGL), das vor ihm auf dem Ambo ruht. Das Tintenfaß steht auf einem eigenen Ständer. Thron, Ambo und Ständer bestehen aus dünnem Stabwerk mit wenig Dekor. Oben in der Bogenrundung der Markuslöwe mit Buchrolle in einem Rundschild mit goldroter Rahmung. Auf dem Rahmen der Hexameter + MARCUS UT ALTA FREMIT VOX PER DESERTA LEONIS (Markus tönt wie eine gewaltige Stimme durch die Wüsten des Löwen). Die vier Kapitelle der Arkaden beider Seiten tragen den Löwenkopf als Evangelistensymbol, während jede Pfeilerbasis in Form zweier Löwentatzen geformt ist. Auf den beiden folgenden Seiten (68v und 69r) wird das Anfangswort des Evangeliums INITIUM durch Flechtwerkrahmen besonders hervorgehoben. Dem ersten Buchstaben I ist eine ganze Seite gewidmet.

    Das Lukasevangelium beginnt mit dem Prolog und den Capitula (s. oben). Die gleichen Buchstaben L U des Namens LUCAS sind wie schon beim Prolog zu Markus freigestellt, meinander verschlungen und durch Flechtwerk, Voluten und Farbe hervorgehoben. Autorenbild und Incipitseite (Bll. 104v und 105r) schmücken je eine Arkade mit Flechtwerkfüllungen. Lukas taucht sitzend die Feder ins Tintenfaß und hält mit der Linken das Evangelienbuch mit dem Beginn von Luc. 11,5: FUIT IN DIEB (us Herodis), Unter dem Bogen der Arkade ist wie beim Autorenbild von Markus der Rundschild mit Evangelistensymbol angebracht, ein roter Stier mit der Buchrolle. Die Inschrift des Randes lautet: + IURAS SACERDOTII LUCAS TENET ORA IUVENCI (Die Satzungen des Priestertums hält Lukas: Das Gesicht des Jungstiers). Das Symbol des Stieres ist außerdem auf den Kapitellen zu erkennen. - Das Anfangswort QUONIAM steht auf den beiden nächsten Zierseiten (105v und 106r). Jeder Buchstabe ist verziert, das Q auf einer Seite besonders prächtig hervorgehoben. Das Johannesevangelium beginnt mit den Bll. 158v-160r mit dem Prolog und dem Breviarius, wie die Capitula eine Inhaltsübersicht über die einzelnen Kapitel des Evangeliums. Der Anfangsbuchstabe des Prologs H ist freigestellt und zu einem Drachenwesen geformt. Autorenbild und Incipit-Seite (160v und 161r) sind wiederum von gleichgestalteten Arkaden überfangen. Johannes schreibt die ersten Worte seines Evangeliums nieder: IN PRINCIP. Das Medaillon mit dem Adler trägt die Umschrift: + MORE VOLANS AQUILAE VERBO PETIT ASTRA IOHANNES (Fliegend wie ein Adler strebt Johannes durch das Wort zu den Sternen). Die Kapitelle der Arkaden beider Seiten sind ersetzt durch den Adler als Symbol des Evangelisten. Die beiden folgenden Zierseiten (161v und 162r) bringen in Rahmenleisten die zwei Anfangsworte des Evangeliums IN PRINCIPIO. Das IN zeigt sich kunstvoll verschlungen, verziert mit stilisierten Vögein, mit Flechtwerk und Voluten.

    Das Evangeliar ist ausgezeichnet durch eine große Einheit von Schrift, Dekor, Figurenstil und Farbigkeit. Der unbekannte Maler und der Schreiber dürften identisch sein. Die zu Anfang erwähnte Entstehung in einem nordfranzösischen Scriptorium ist die wahrscheinlichere Hypothese. - Auch der am Schluß des Evangeliars stehende Jahreskalender mit den Angaben der Perikopen (Capitulare evangeliorum 202r-215r) gibt keine unmittelbaren Hinweise auf den Entstehungsort. Es ist der im 9. Jh. sich überall hin ausbreitende römische Kalender. Er ist verbunden mit den Angaben der Perikopen für das Commune Sanctorum und für Votivmessen.

Bibliographie

  • Jaffé-Wattenbach, Nr. 14 p. 6.
  • Paul Clemen: Der Dom zu Köln. Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln, 1. Band, III. Abteilung. Düsseldorf 1938 (2. Auflage) S. 393, Nr. 5 mit Angabe der älteren Literatur.
  • H. Ehl, Buchmalerei des frühen Mittelalters, Berlin 1925, S. 32, Titelbild 6.
  • J. Theele, Rheinische Buchkunst im Wandel der Zeit, 1925. S. 9.
  • A. Goldschmidt, Die Deutsche Buchmalerei I. 1928, S. 48. Taf. 49.
  • A. Boeckler, Abendländische Miniaturen bis zum Ausgang der romanischen Zeit, 1930, S. 51.
  • Peter Bloch und Theodor Schnitzler, Die ottonische Kölner Malerschule, Bd. II, Düsseldorf 1970, S. 14.
  • Schulten 138.

Quellenangabe

Impressum
Herausgeber
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
Redaktion
Im Rahmen des DFG-Projekts CEEC bearbeitet von Patrick Sahle; Torsten Schaßan (2000-2004)
 
Bearbeitung im Rahmen des Projekts Migration der CEEC-Altdaten von Marcus Stark; Siegfried Schmidt; Harald Horst; Stefan Spengler; Patrick Dinger; Torsten Schaßan (2017-2019)
Ort
Köln
Datum
2018
URN
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-7687
PURL
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-7687
Lizenzangaben

Die Bilder sind unter der Lizenz CC BY-NC 4.0 veröffentlicht

Diese Beschreibung und alle Metadaten sind unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 veröffentlicht

Klassifikation