Beschreibung von Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 117

Bibliographische Beschreibung

Sammeltitel
Kirchenrechtliche Sammelhandschrift
Entstehungsort
Frankreich (?)
Entstehungszeit
1. Hälfte und Mitte 9. Jh., und Italien, 865
Beschreibstoff
Pergament
Umfang
97 Blätter
Format
300 mm x 218 mm
Format
Teil IV: 204 mm x 160 mm
Persistenter Identifier
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-9863 Persistent Identifier (URN)
Weitere Angaben
Land
Deutschland
Ort
Köln
Sammlung
Dombibliothek
Signatur
Cod. 117

Überblickbeschreibung

Kirchenrechtliche Sammelhandschrift

Kodikologisch besteht das Werk aus drei verschiedenen Teilen: 1. den Canones conciliorum (Konzilsbeschlüsse), die der Dionysio-Hadriana-Überlieferung angehören (I), 2. dem Poenitentiale (Bußbuch) und den daran angeschlossenen kirchenrechtlichen Stücken (II-III) sowie 3. der sog. Propagandaschrift Erzbischof Gunthars (850-863, gest. nach 871) von Köln (IV). Im Canones-Teil fehlen die Dekrete der Päpste, die in den Dom Hss. 115 und 213 (vgl. Kat.Nrn.21, 18) enthalten sind. Initialen in Teil I wie das F(idem) (19r), das Q(ui) (19v) mit dem bärtigen Männerkopf, das rot und braun umpunktete C(redimus) (19v) mit der Flechtbandfüllung und das P(eregrinos) (22r) mit dem Hundskopfende weisen auf ein Skriptorium hin, das mit insularen Schreibgewohnheiten in Kontakt gekommen war. Ob dieses in Italien, Frankreich oder Deutschland lag, kann hier nicht entschieden werden; Mordek (1975, S. 244) nimmt Ostfrankreich als Ursprungsland an, nicht ohne diese Lokalisierung sofort wieder in Frage zu stellen. Für Teil II-III mit dem Poenitentiale Halitgars (817-831) schlug Bischoff (nach Kottje 1980, S. 28) ebenso "ostfranzösische?" Entstehung vor. Für Teil IV, der nach Fuhrmann (1958, S. 36) von mindestens zwei Händen geschrieben wurde, steht 865 als das Jahr der Niederschrift fest. Vielleicht wurde das an Erzbischof Hinkmar von Reims (845-882) als Brief entsandte Heft in Italien, wo sich Erzbischof Gunthar von Köln damals aufhielt, geschrieben. Jones (1971, S. 66f.) sah diesen Teil als in Köln geschrieben an. Die drei Teile haben einen inhaltlichen, nämlich kirchenrechtlichen Zusammenhang, in den auch die sog. Propagandaschrift Gunthars einmündet. Fuhrmann legte eindrücklich dar, daß das Heft die gekürzte Fassung einer von Gunthar 863 zusammengestellten Sammlung von Texten ist, die er 865 einschließlich des Begleitbriefes an Erzbischof Hinkmar von Reims sandte, damit dieser bei Papst Nikolaus I. (858-867) seine Rekonziliation erwirke. Zusammen mit Erzbischof Thietgaud von Trier (847-863/868) war Gunthar auf dem Laterankonzil von 863 vom Papst des Amtes enthoben und exkommuniziert worden. Die beiden Bischöfe hatten zuvor auf der Synode von Metz König Lothars Ehe mit Thietberga für aufgelöst erklärt. Sie gaben damit Lothar (855-869) das Recht, seine Konkubine Walrada, von der er Kinder hatte, zur Königin zu erheben. Gunthar sprach 865 auf der Synode von Pavia vor und bat um Behandlung seines Falles. Die Synode verfaßte zwecks Rekonziliation daraufhin ein Bittgesuch an den Papst. Doch wurde der Bann bis zum Tod Gunthars nicht gelöst. Der Bischof hielt trotz der Exkommunikation an seinem Amt fest. Diese Vorkommnisse spiegelt der Inhalt des Heftes. Es enthält eine Aufzeichnung von Verhandlungen der Synode von Pavia (93v-96r), den Synodalbrief an Papst Nikolaus I. (96r-97r) und schließlich den Brief Gunthars an Hinkmar (97r). Weshalb das Originalschreiben Gunthars (und nicht eine Kopie) nach Köln kam, ist unbekannt.

Das Heft ist eine Art praktischer Anhang zu den Canones conciliorum und zum Bußbuch des Halitgar von Cambrai, das dieser im Auftrag Erzbischof Ebos von Reims (816-835) verfaßte. Es darf als Produkt der unter Kaiser Ludwig dem Frommen (814-840) in der fränkischen Kirche betriebenen Reform betrachtet werden, die an den alten Bußbüchern Kritik übte und der Bußpraxis eine auf den Canones der Konzilien sowie den päpstlichen Dekreten gründende Basis verschaffen wollte. In diesem Sinne fanden die Canones, das Poenitentiale und Gunthars Rekonziliationsakte wahrscheinlich schon im 9. Jahrhundert in Dom Hs. 117 zusammen.

Zustand und Zusammensetzung

Lagenstruktur
Lagen 1-58 (mit Q = Quaternio und Zahlenreklamanten), 6-78, 84, 9-128, 134+1 (94 Einzelblatt) ;Lage 13 war einst der Höhe nach dreifach als Brief gefaltet (vgl. Fuhrmann 1958, S. 13) und wurde möglicherweise schon im 9. Jh. in die Handschrift eingebunden.
Seiteneinrichtung
Schriftspiegel 225 mm x 158 mm , 225 mm x 168 mm (ab Fol. 77) 172 mm x 132 mm (ab Fol. 93);Blindliniierung mit Versalienspalten ( 7 mm ); ab Fol. 77 einfache Randliniierung; einspaltig; 31-33 bzw. 27 (ab 93r) Zeilen.

Schrift und Hände

Lateinischer Text in hellbrauner bis schwarzer Tinte in karolingischer Minuskel, rubriziert; Auszeichnungsschriften in Capitalis, Uncialis und Halbunziale; Fol. 1-56 enthalten durchgehend Interlinear- und Randglossen in gleichzeitiger feiner karolingischer Minuskel; Fol. 57-60 treten sie nur noch vereinzelt auf;

Buchschmuck

  • Anfangsbuchstaben der Kapitel und Abschnitte in Form von Majuskeln mit Tinte oder Minium, oft unzial, teilweise umpunktet (19v), zoomorph (22r) oder mit Menschengesichtern (19v) verziert; einige Buchstabenkörper mit Flechtbandfüllung (19v, 21v).

Einband

Einband: Pergament mit Streicheisenlinien über Pappe (Mitte 18. Jh).

Geschichte der Handschrift

Provenienz
Besitzvermerk LIBER SANCTI Petri Coloniensis auf 1r (16. Jh.); Darmstadt 2116.

Inhaltsangabe

  • 1r-60v Titel: Collectio canonum Dionysio-Hadriana. Titel: Canones der Konzile und Synoden vom Apostelkonzil bis zum Konzil von Karthago (419).
    • 1r Incipit: INCIPIUNT ECCLESIASTICE REGULE SANCTORUM APOSTOLORUM INCIPIUNT CANONES APOSTOLORUM. DE ORDINATIONE EPISCOPI. Episcopus a duobus aut tribus episcopis ordinetur (Turner I, 9-32 ; Strewe 4,14-10,23).
    • 4r Titel: Glaubensbekenntnis, metrische Vorrede und Canones des ökumenischen Konzils von Nikaia (325) (Maassen 46; Turner I, 104-143; Strewe 24,14-31,6).
    • 6v Titel: Canones des Konzils von Ankyra (317) (Maassen 71ff., 929ff.; Turner II, 54-115; Strewe 31,8-38,9).
    • 8v Titel: Canones des Konzils von Neokaisareia (zwischen 314 und 325) (Maassen 112, 446; Turner II, 116-141; Strewe 38,15-40,30).
    • 9v Titel: Canones des Konzils von Gangra (340/341) mit Vorrede (Maassen 82, 935ff.; Turner II, 170-211; Strewe 41,1-44,2).
    • 12r Titel: Canones des Konzils von Antiochia (341) (Maassen 112f., 446; Turner II, 221-311; Strewe 44,4-52,9).
    • 15v Titel: Canones des Konzils von Laodikeia (zwischen 343 und 381) (Maassen 113; Turner II, 341-389; Strewe 52,10-60,4).
    • 19r Titel: Canones des ökumenischen Konzils von Konstantinopel (381) (Maassen 114f., 446; Turner II, 405-431; Strewe 60,5-61,18).
      • 19v I F(idem non violandam), Q(ui sunt): bärtiger Männerkopf, C(redimus).
    • 20r Titel: Canones und Constitutio et fides des Konzils von Chalkedon (451) (Maassen 115, 446; Strewe 98,25-105,19).
      • 21v P(ervenit).
      • 22r P(eregrinos clericos):Hundskopfinitiale.
    • 29r Titel: Vorrede, Glaubensbekenntnis und Canones (I-XXXIII) der ersten Sitzung des Konzils von Karthago (419) (Maassen 173ff., 447; Strewe 70,12-84,9).
    • 35v INCIPIUNT CANONES CONCILIORUM diversorum Africanae provinciae Numidiae centum quinque. R(ecitata sunt) (vgl. Maassen 447).
      • 39v A(urelius).
    • 57r Titel: (CI) Brief des Konzils von Karthago (419) an Papst Bonifaz I. (418-422) quoniam domino placuit (Maassen 181f.; Turner I, 596-608; Strewe 85,10-88,25).
    • 59r Titel: (CII) Schreiben der Bischöfe Kyrillos von Alexandria (412-444) und Attikos von Konstantinopel (406-425) an das Konzil von Karthago (419) Scripta venerationis (Turner I, 609-613; Strewe 88,26-89,18).
    • 59r Titel: (CIII) Brief des Bischofs Attikos von Konstantinopel an das Konzil von Karthago Scripta vestrae dilectionis (Turner I, 611-613; Strewe 89,19-34).
    • 59v Titel: (CIIII) Das Glaubensbekenntnis des Konzils von Nikaia (325) (Strewe 90,1-90,16; mit Zusatz).
    • 59v Titel: (CV) Schreiben des Konzils von Karthago (421) an Papst Coelestin I. (422-432) Optaremus (Maassen 182f.; Turner I, 614-622; Strewe 96,6-98,22).
  • 61r-68v Titel: Poenitentiale des Bischofs Halitgar von Cambrai (Buch III-V, Kap. 19) (PL 105, 677-692C).
    • 61r Incipit: INCIPIUNT CAPITULA DE ORDINE PAENITENTIUM (I-XVI).
    • 61v Incipit: INCIPIT LIBER DE ORDINE PAENITENTIUM Ut paenitentiae tempora - admittit, qui presentis vitae. Kap. 19 von Buch V bricht mit dem Ende der Lage 8 ab; die Capitulatio enthält die Kap. 17-19 nicht (vgl. Kottje 1980, S. 28).
  • 69r-92v Verschiedenes.
    • 69r Titel: Auszug aus den 'Etymologiae' des Isidor von Sevilla CANON. In qua lingua - ante absidam manus ei imponatur. Amen. Expliciunt interrogationes; zeigt nach Mordek (1975, S. 145, Anm.223) Verwandtschaft zu den gallischen Canonessammlungen wie Cod. Par. Sang. Lat. 12444 (Paris, Bibl. Nat.) , deren Text sich an Isidor anlehnt; vgl. Kottje 1980, S. 28 .
    • 89v Titel: Einleitungsstücke IVe und f zur Dionysio-Hadriana (vgl. Kottje 1980, S. 28 ) Incipiunt humidia. Fratres karissimi, intellegimus quia per bonam voluntatem - regnat Deus per omnia saecula saeculorum.
    • 92r Nominatim scire cupio sex synodi principales - heresi anathematizando scripserunt cap. VIIII.
    • 92r Unten: habens quaterniones X et dim. minores. II.
    • 92v Unten: Iste tomus continet folia XCII et quaterniones minores duos (beide Einträge in gleichzeitiger karolingischer Minuskel).
  • 93r-97v Titel: "Propagandaschrift" Erzbischof Gunthars von Köln.
    • 93r Ursprünglich leer. Incipit: Synodus Ticinensis etc. (wahrscheinlich von der Hand Hartzheims od. Schannats, der den Text Concilia II, 327-333 edierte).
    • 93v Incipit: Nuper circa septuagesimam sive sexagesimam - paternitatem vestram bene in Christo valere optamus. Der Schluß besteht aus einem Brief Gunthars an Erzbischof Hinkmar von Reims ( Mansi XV, 765-766; Fuhrmann 1958, 38-51).
    • 97v Titel: Karolingischer Zusatz über die von der Propagandaschrift herzustellenden Kopien und die Adressaten, an die sie zu senden sind (Jaffé/Wattenbach 1874, 47f.; Jones 1971, 66f.; Fuhrmann 1958, 51 ) Istum quaternionem - qui speziales esse volunt fratres.

Bibliographie

  • J.F. Schannat/J. Hartzheim u.a., Concilia Germaniae, Bd.I-XI, Köln 1759-1790, I S. 131ff., II S. 327ff.
  • Mansi XV, 1767, Sp. 764ff.
  • Knust 1843, S. 620
  • Maassen 1870, S. 442
  • Jaffé/Wattenbach 1874, S. 47f.
  • Decker 1895, S. 227, 246f., Nr. 79
  • Chroust 1909, Liefg. VII, Taf.4
  • H. Fuhrmann, Eine im Original erhaltene Propagandaschrift des Erzbischofs Gunthar von Köln (865), in: Adipl 4 (1958), S. 1ff., S. 38ff., Abb. nach S. 16
  • R. Kottje, Eine Salzburger Handschrift aus Köln, in: RhVjbll 28 (1963), S. 286f.
  • R. Kottje, Einheit und Vielfalt des kirchlichen Lebens in der Karolingerzeit, in: ZKG 76 (1965), S. 337 Anm.54, Nr. 20
  • Jones 1971, S. 66f., Taf.XC
  • Mordek 1975, S. 145, 244
  • F.W. Oediger, Die Regesten der Erzbischöfe von Köln, Bd.I, [Bonn 1954-1961] Düsseldorf 1978, S. 69f.
  • R. Kottje, Die Bußbücher Halitgars von Cambrai und des Hrabanus Maurus. Ihre Überlieferung und ihre Quellen, Berlin/New York 1980, S. 28f., Nr. 14, S. 58, 115, 134
  • Schmitz 1985, S. 141
  • Zechiel-Eckes 1992, S. 15, Anm.28, S. 152ff., 210, 403f.
  • Handschriftencensus 1993, S. 641, Nr. 1082.

Quellenangabe

  • Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung. München 1998. S. 253-254 (Anton von Euw) [Digitaler Volltext]
Impressum
Herausgeber
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
Redaktion
Im Rahmen des DFG-Projekts CEEC bearbeitet von Patrick Sahle; Torsten Schaßan (2000-2004)
 
Bearbeitung im Rahmen des Projekts Migration der CEEC-Altdaten von Marcus Stark; Siegfried Schmidt; Harald Horst; Stefan Spengler; Patrick Dinger; Torsten Schaßan (2017-2019)
Ort
Köln
Datum
2018
URN
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-9863
PURL
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-9863
Lizenzangaben

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