Beschreibung von Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 215

Bibliographische Beschreibung

Handschriftentitel
Breviarum Franconicum
Entstehungsort
Lüttich (?) und Würzburg (?)
Entstehungszeit
3. Viertel 11. Jh. und 2. Viertel 12. Jh.
Beschreibstoff
Pergament
Umfang
279 Blätter
Format
290 mm x 203 mm
Persistenter Identifier
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-15851 Persistent Identifier (URN)
Weitere Angaben
Land
Deutschland
Ort
Köln
Sammlung
Dombibliothek
Signatur
Cod. 215

Überblickbeschreibung

Breviarum Franconicum

Das Brevier enthält mit der Zusammenstellung von Antiphonen und Hymnen sowie den Psalmen mit Cantica und Orationen eine Sammlung liturgischer Gesänge und Texte des Stundengebets in einer Benediktinerabtei. Das Schriftbild und die in Minium gezeichneten Initialen, von denen nur die erste (11r) zusätzlich in Deckfarben ausgeführt ist, weisen auf eine Entstehung wohl noch vor der Mitte des 12. Jahrhunderts. Die mit hellerer Tinte ausgeführte und wohl nachgetragene Neumierung hat die musikwissenschaftliche Forschung ins späte 12. Jahrhundert datiert und als ein wichtiges Zeugnis des Übergangs von der adiastematischen zur diastematischen Notation mit der graphischen Unterscheidung von Tonabständen nach Höhe und Tiefe erkannt. Die "in campo aperto", das heißt ohne Linien geschriebenen Neumen, die nicht die exakten Tonhöhen oder den Rhythmus, sondern den ungefähren Verlauf der Melodie wiedergeben, entsprechen offenbar alemannischer Tradition, wie sie in älteren Handschriften aus St. Gallen überliefert sind. Darüber hinaus enthält unser Codex (209v-212r) ein nachgetragenes Tonar oder Tonale aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts mit einer Sammlung von Choralgesängen, die nicht nach ihrer Stellung im Kirchenjahr, sondern nach den acht Kirchentönen angeordnet sind, und deren Neumierung auf Linien der Metzer Tradition folgt.

Entsprechend einem Eintrag des 14. Jahrhunderts (206r), der sich auf Erzbischof Wilhelm von Gennep (1349-1362) bezieht, befand sich die Handschrift zu dieser Zeit bereits in Köln. Gleichzeitig mit diesem Eintrag wurde das Kalendar mit in Köln verehrten Heiligen bereichert. Als älteste Teile der Handschrift sind die drei Miniaturen anzusehen, die als Außenblätter einer Lage in den später entstandenen Text eingepaßt wurden. Peter Bloch hat ihre vorrangig in Rot und Grün leuchtende Farbigkeit, die in dichten Fältelungen gemusterten Gewänder wie auch die Architekturprospekte mit maasländischer Buchmalerei in Verbindung gebracht, wie sie beispielsweise auf dem Autorenbild im Kommentar zu den Paulusbriefen des Florus von Lyon, Ms.9369-9370 der Bibliothèque Royale in Brüssel, überliefert ist (Rhein und Maas I 1972, S. 228, Nr.F21); dieser aus Saint-Laurent in Lüttich stammende Codex dürfte dort im 3. Viertel des 11. Jahrhunderts entstanden sein. Andererseits erkannte Bloch auch stilistische Zusammenhänge zu Handschriften wie dem Evangeliar theol. lat. fol.18 der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin, das - mit mosanen Einflüssen - im weiteren Umkreis der Fuldaer Buchmalerei in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts entstanden sein wird. Die Nennung des hl. Burchard, des ersten Bischofs von Würzburg, und der dort ebenfalls verehrten Jungfrau Regiswindis im Kalendar sowie die mit einer Initiale hervorgehobenen Gesänge zum Fest des hl. Kilian (119r), des ebendort besonders verehrten Missionars, dessen Fest auch im Kalender aufgenommen ist, legen den Gebrauch unserer Handschrift in der Diözese Würzburg nahe. Ob sie dort bzw. im Umkreis der Fuldaer Buchmalerei auch geschrieben und unter Verwendung älterer Miniaturen des Abendmahls, einer nicht vollendeten Christusszene und des Ostergeschehens zu einem ungewöhnlich bebilderten Gesangbuch für das Stundengebet eines Benediktiners gestaltet worden ist, läßt sich unter anderem aufgrund der nur spärlich überlieferten Würzburger Buchmalerei dieser Zeit nicht entscheiden.

Zustand und Zusammensetzung

Lagenstruktur
Lagen 18+1, 2-108, 114+3, 12-268, 271+6, 28-358 ;
Seiteneinrichtung
Schriftspiegel 205-220 mm x 143-150 mm ;Blindliniierung; einspaltig; 21-26 Zeilen.

Schrift und Hände

Lateinischer Text in dunkelbrauner bis schwarzer romanischer Minuskel von verschiedenen Schreibern, rubriziert; Neumen ohne Linien über den Textzeilen;

Buchschmuck

  • Ein- und mehrzeilige Anfangsbuchstaben in Minium bzw. in Schwarz mit Minium schattiert; große Initialen mit pergamentausgesparten Blattranken und zoomorphen Motiven in Minium; Initiale (11r) in grauvioletter Zeichnung mit pergamentausgesparten Blattranken mit Schattierungen in Rot auf grünem, grauviolettem und rotbraunem Grund; Miniaturen in Deckfarbenmalerei.

Einband

Einband: Pergament mit Streicheisenlinien über Pappe (Mitte 18. Jh.).

Geschichte der Handschrift

Provenienz
Eintrag des 14. Jhs. Wilhelmus Dei gratia sancte Coloniensis ecclesiae (206r),wahrscheinlich Erzbischof Wilhelm von Gennep ; Darmstadt 2192.

Inhaltsangabe

  • 1r-6r Titel: Kalendar (Januar fehlt; im ursprünglichen Bestand: 8.7. Kiliani Cholonani Thotnani m., 14.10. Burchardi epi. et conf. ; wenig später nachgetragen: 15.7. Regiswindis virg. ; im 14. Jh. nachgetragene Festrangbezeichnungen sowie zahlreiche Kölner Heiligenfeste).
  • 6v-9v Titel: Komputistische Texte und Tabellen.
  • 10r Nachgetragene Titel: Benediktionen und Absolutionen ( 15. Jh. ).
  • 10v-209r Titel: Brevier mit weitgehend neumierten Texten.
    • 11r 1. Adventssonntag A(SPICIENS A LONGE).
    • 21r Weihnachten H(ODIE NOBIS CAELORUM).
    • 82r Textende zum Gründonnerstag.
    • 82v Miniatur: Letztes Abendmahl.
    • 83r Unvollendete Miniatur: Christus mit Schriftband vor einer Turmarchitektur stehend.
    • 87v Titel: Segnung des Bischofsringes (Nachtrag wohl 12. Jh. ).
    • 88r Eintrag Benedictus mit Notation ( 15. Jh. ) auf ansonsten leerer Seite.
    • 88v Unvollendete Miniatur: die Frauen am leeren Grab, Noli me tangere.
    • 89r Ostern V(ESPERE AUTEM SABBATI) .
    • 89v A(NGELUS DOMINI DESCENDIT).
    • 111r Fest Johannes des Täufers F(UIT HOMO MISSUS).
    • 119r Fest des hl. Kilian mit Vigil B(EATUS KILIANUS).
    • 125v Mariä Himmelfahrt V(idi speciosam).
    • 135v Fest des hl. Burchard.
    • 199v Fest der hl. Afra.
    • 202v Titel: Totenoffizium.
  • 209v-212r Titel: Tonar (Nachtrag spätes 13. Jh. ).
  • 216v Fest des hl. Lambertus.
  • 217r-272r Titel: Psalter (Zehnteilung mit Hervorhebung von Psalm 1, 26, 38, 51, 52, 68, 80, 97, 101 und 109).
    • 217r Incipit: B(EATUS VIR).
    • 225r Incipit: D(OMINUS illuminatio).
    • 230v Incipit: D(IXI custodiam).
    • 235r Incipit: Q(UID gloriaris).
    • 235v Incipit: D(IXIT insipiens).
    • 240v Incipit: S(ALVUM me fac).
    • 247r Incipit: E(XULTATE Deo).
    • 252v Incipit: C(ANTATE Domino).
    • 253v Incipit: D(OMINE exaudi).
    • 259r Incipit: D(IXIT DOMINUS).
    • 260r Incipit: D(ILEXI quem exaudiet).
  • 277v-279v Titel: Hymnen zur Vesper und Komplet.
  • 277v Incipit: O (LUX BEATA).

Bibliographie

  • Jaffé/Wattenbach 1874, S. 96
  • W. Gerstenberg, Eine Neumenhandschrift in der Dombibliothek zu Köln (Codex 215), in: H.Renck/H.Schultz/W.Gerstenberg (Hgg.), Festschrift für Theodor Kroyer zum 60. Geburtstag, Regensburg 1933, S. 8ff.
  • Kdm Köln 1/III, 1938, S. 396Nr.12 (Lit.)
  • P. Bloch, Unerkannte mosane Miniaturen in Cod. Metr. 215 des Kölner Domschatzes, in: KDB 18/19 (1960), S. 25ff.
  • Schulten 1980, S. 140, Nr. 158
  • Handschriftencensus 1993, S. 688f., Nr. 1160.

Quellenangabe

  • Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung. München 1998. S. 414-415 (Joachim M. Plotzek) [Digitaler Volltext]
Impressum
Herausgeber
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
Redaktion
Im Rahmen des DFG-Projekts CEEC bearbeitet von Patrick Sahle; Torsten Schaßan (2000-2004)
 
Bearbeitung im Rahmen des Projekts Migration der CEEC-Altdaten von Marcus Stark; Siegfried Schmidt; Harald Horst; Stefan Spengler; Patrick Dinger; Torsten Schaßan (2017-2019)
Ort
Köln
Datum
2018
URN
urn:nbn:de:hbz:kn28-3-15851
PURL
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-15851
Lizenzangaben

Die Bilder sind unter der Lizenz CC BY-NC 4.0 veröffentlicht

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Klassifikation